{"id":11,"date":"2005-09-12T17:29:32","date_gmt":"2005-09-12T15:29:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/?p=11"},"modified":"2005-09-12T17:29:57","modified_gmt":"2005-09-12T15:29:57","slug":"der-plattenladen-an-der-ecke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/archive\/11","title":{"rendered":"Der Plattenladen an der Ecke"},"content":{"rendered":"\t<p>Ein wenig seltsam wird mir immer, wenn ich merke, dass sich die Welt mal wieder bedeutend weitergedreht hat. Dann &#228;rgere ich mich, weil ich mir altklug vorkomme, leider ohne dabei klug zu sein. Aber das Ged&#228;chtnis spielt einem den einen wirklich gemeinen Streich: Es funktioniert bisweilen. Wie kommt man eigentlich an gute Musik? Okay, Ihr k&#246;nnt da drau&#223;en sagen: Radio h&#246;ren! Alles klar, aber ich meinte jetzt <em>gute<\/em> Musik. Das ist f&#252;r mich unter anderem auch noch etwas Unentdecktes. Viele beklagen die Abwesenheit von Musik in den Charts. Das stimmt auch, aber wundern soll&#8217;s einen nicht. Die Musik-Charts haben nix mit Musik zu tun. Das ist Mode, vielleicht Popkultur, irgendwie. Da ist die Musik selbst wieder ein Medium, ein gern genutztes. Um diese seltsamen Kalender, Poster und Videos&#8212;rundum: die Devotionalien zu verkaufen, die Mode, den Lifestile. Dem sollte man eine eigene Existenzberechtigung ja gar nicht absprechen. Bisweilen ist&#8217;s ja sogar lustig. Aber wir sind ja Individualisten. Solche, die &#252;ber die eigenen Bed&#252;rfnisse selbst entscheiden, also uns selbst umh&#246;ren und alles. Oder?<!--more--> Wir w&#252;rden uns doch nie und nimmer eine vorgekaute Auswahl in fertigen Portionen und Verpackungen auch noch vorschreiben lassen. Schon gar nicht, wenn&#8217;s um so etwas komplett individuelles geht, wie den Musikgeschmack. Nicht wahr? Zur&#252;ckgespult. Menschen und Kinder, Menschenskinder also, da hat man sich doch zu einer Zeit noch extra zum Musikh&#246;ren getroffen. Also zum <em>Zuh&#246;ren<\/em> wahrhaftig. Nebenbeidudeln, das konnte ja jeder, klar, aber Zuh&#246;ren, das war nun schon was ganz Feines. Und dann auch noch etwas dar&#252;ber herausfinden&#8212;vielleicht ein wenig auf &#252;belste aber ebenso angeregte Weise im Unsinn herumphilosophien. Hand auf&#8217;s Herz: wie lang ist&#8217;s her? Aber wie denn nun, Zeit ist Zeit und davon hat man ja jetzt auch weniger, au&#223;erdem gibt&#8217;s da drau&#223;en ja sowieso nichts mehr, was einen noch vom Hocker hauen k&#246;nnte. Da muss das Radio, die so genannte &#8220;heavy rotation&#8221; wieder her, wo die gr&#246;&#223;eren Labels ja bekanntlich hinter vorgehaltener Hand daf&#252;r zahlen, dass diese <em>und nur diese<\/em> Auswahl an St&#252;cken immer und immer wieder, tja, geduldelt wird. Keine Sorge, ist kein Zeitgeist, war schon immer so. Konnten seiner Zeit nicht einmal Pink Floyd mit &#8220;Another Brick in The Wall&#8221; (man erinnert sich vielleicht, 1980) nach einem riesengro&#223;en Life-Konzert gegen an&#8212;aber sie haben es immerhin versucht. Wer&#8217;s recherchieren will (und viel mehr lustiges aus dem Musikbusiness), mag nachsehen in:<\/p>\n\n\t<p><img src=\"\/pic\/buch.gif\" alt=\"Buch\" \/> Dannen, Frederic (1990): Hit Men. Power Brokers and Fast Money Inside the Music Business, Crown<\/p>\n\n\t<p>Aber Moment mal? Wie geht das jetzt weiter? Tauschb&#246;rsen sind ja nun wirklich illegal und gleichzeitig voll mit Schrott (benutzt die Teile eigentlich jemand au&#223;er 15 j&#228;hrigen?). Radio voll mit Payola-Heavy-Rotation. <span class=\"caps\">MTV<\/span> und <span class=\"caps\">VIVA<\/span> haben, machen&#8230; ach&#8230; alles klar? Beim &#8220;Reinzappen&#8221; schon zum f&#252;nfzigsten mal das gleiche, langweilige <span class=\"caps\">MTV<\/span>-Masters gesehen, das an identifizierbarem Strickmuster vielleicht nur noch durch die schrecklichen Making-Of Beitr&#228;ge auf <span class=\"caps\">DVD<\/span>&#8217;s getoppt wird&#8212;&#8220;and everybody did a tremendous job, everyone was so nice an we had all so much fun and the director is the best I can think of&#8221;. Heda! Internet&#8230; Fehlanzeige? Man k&#246;nnte jetzt meinen, dass man keiner Zielgruppe angeh&#246;ren muss. Zwar kann man sich CD&#8217;s inzwischen leisten&#8212;und zwar derma&#223;en, dass man locker Vielk&#228;ufer w&#252;rde (das ist man ja schon ab 10 CD&#8217;s im Jahr<img src=\"!\" alt=\"\" border=\"0\" \/>), aber woher kommt denn das Angebot? Fr&#252;her konnte ich mir doch nur eine Platte (thihi, Nostalgiker!) vom sauer ersparten Taschengeld leisten&#8212;und hab sie trotzdem gekauft! Hilfe? Hier ist ein einsamer, leiner Konsument, konsumwillig, ach, was sag&#8217; ich: konsumw&#252;tig&#8212;und es existiert kein Markt? Kann denn das sein? Soll ich jetzt f&#252;r gute Musik anstehen?<\/p>\n\n\t<p>Da kommt mir wieder eine komplett und ultimativ v&#246;llig versponnene Idee in den Sinn. Die ist so nostalgisch, dass ich zun&#228;chst keine Ahnung habe, ob sie funktioniert. Gibt&#8217;s eigentlich die Jungs mit ihrem Plattenladen um die Ecke noch? Ja, es gibt sie. Sie sind weniger geworden. Aber es gibt sie noch. Wackel ich, ohne zu wissen, wie man sowas heute &#8220;cool bringt&#8221;, dorthin. Frage vorsichtig nach etwas, was &#8220;nicht Charts und Radio&#8221; ist, was Abgefahrenes, was irgendwie Seltsames, etwas, dass mich mitrei&#223;en kann. Wie dem die Augen &#252;bergehen! Der freut sich! Und dann ber&#228;t der mich zwei Stunden lang. Legt CD&#8217;s auf (weil Platten ja kleiner geworden sind inzwischen, das habe ich noch mitbekommen). &#8220;Hmmmja&#8221;, &#8220;Hmmmn&#246;&#246;&#246;&#246;&#8221;, ich bin hier Kunde, toll! Gutgut, ich lass&#8217; dann am Ende mehr Geld da, als ich urspr&#252;nglich wollte. Das liegt aber eher an der Menge an CD&#8217;s, die ich erwerbe und weniger an den Preisen&#8212;die sind sogar meist billiger als in den einschl&#228;gig bekannten Glitzermeilen der Kaufh&#228;user, in denen inzwischen &#252;berhaupt kein Fachpersonal mehr arbeitet. Auf den CD&#8217;s stehen absonderliche Labelnamen, manchmal wiederholen sich die Labels. Grandios selten sind&#8217;s die Gro&#223;en. Nach Hause gehe ich mit einem Grinsen und mit Sch&#228;tzen v&#246;llig unterschiedlichen Genres, die tonnenweise unter dem Ladentisch hervorgekramt wurden. Neben dem Erwartbaren, gibt&#8217;s noch eine gro&#223;e Jazzabteilung und es gibt auch Klassik, solche sogar, die sich vom 1000sten bl&#246;den Mozart-Sampler freudig zu unterscheiden wei&#223;. Freunde fragen mich: &#8220;wo hast Du blo&#223; immer diese abgefahrenen Sachen her?&#8221;. Nat&#252;rlich verrat&#8217; ich&#8217;s ihnen. Die Ladenparty zu zweit wird dann noch viel genialer.<\/p>\n\n\t<p>Danke Ihr Jungs mit den Plattenl&#228;den da drau&#223;en! Das ist bestimmt nicht immer ganz einfach, diese L&#228;den gegen den Zeitzahn der Belanglosigkeit aufrecht zu erhalten. Ihr habt meinen tiefen Respekt vor Eurer Arbeit. Achso, ja: und mindestens einen Kunden mehr.<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\t<p>Wie kommt man eigentlich an gute Musik? Viele beklagen die Abwesenheit von Musik in den Charts. Das stimmt auch, aber wundern soll&#8217;s einen nicht. Die Musik-Charts haben nix mit Musik zu tun. Das ist Mode, vielleicht Popkultur, irgendwie. Zur&#252;ckgespult. Menschen und Kinder, Menschenskinder also, da hat man sich doch zu einer Zeit noch extra zum Musikh&#246;ren getroffen. Aber Moment mal? Wie geht das jetzt weiter? Tauschb&#246;rsen sind ja nun wirklich illegal und gleichzeitig voll mit Schrott (benutzt die Teile eigentlich jemand au&#223;er 15 j&#228;hrigen?). Radio voll mit Payola-Heavy-Rotation. <span class=\"caps\">MTV<\/span> und <span class=\"caps\">VIVA<\/span> haben, machen&#8230; ach&#8230; alles klar? Da kommt mir wieder eine komplett und ultimativ v&#246;llig versponnene Idee in den Sinn. 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