{"id":1250,"date":"2010-02-10T15:18:59","date_gmt":"2010-02-10T14:18:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/?p=1250"},"modified":"2010-05-20T10:45:05","modified_gmt":"2010-05-20T08:45:05","slug":"der-wunsch-hinter-jenem-konjunktiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/archive\/1250","title":{"rendered":"Der Wunsch hinter jenem Konjunktiv"},"content":{"rendered":"\t<p>M&#246;gen alle denken was sie wollen. Am Anfang war die Unstruktur, die Geburtsstunde des Solipsisten. Noch davor, und das Leben ist getr&#228;umt, aus dem Moment heraus. Etwas anderes ist nicht feststellbar. Das ist ein gro&#223;es &#8220;K&#246;nnte&#8221; oder &#8220;Sollte&#8221;, je nach Gesinnung des Tr&#228;gers, der nat&#252;rlich selbst auch nicht existiert. Darin liegt entweder der Kategorische Konjunktiv oder ein Dogma oder beides, je in unterschiedlicher Form f&#252;r die unterschiedlichen Formen. Formal ist der Konjunktiv ohnehin unterspezifiziert. Man versuche einmal einen Satz wie &#8220;Philipp k&#246;nnte auch in Bremen wohnen&#8221; pr&#228;dikatenlogisch zu erfassen. Im Ernst, man versuche es! Und bitte ohne die folgende faule Abk&#252;rzung zu verwenden:<\/p>\n\n\t<p><span style=\"text-decoration: line-through;\">K&#246;nnte-auch-in-Bremen-wohnen (Philipp).<\/span><\/p>\n\n\t<p>Ich habe in diesem Zusammenhang auch schon geh&#246;rt, die logische Semantik sei ohnehin bedeutungsarm&#8212;was an sich schon zutreffen k&#246;nnte, weil&#8217;s die Logik ja per Definition ist. Jedoch mit der Begr&#252;ndung, dies<em> <\/em>l&#228;ge an ihrer Evaluationsfunktion, die ja nur auf absolute Wahrheitswerte abbilde erscheint die Annahme ziemlich kraftlos. Die Modallogiker\/innen haben stets darauf verwiesen, dass die Evaluationsfunktion zur Not ersetzbar sei und das eine ganze Menge der Aussagen immer noch gelten, wenn auch komplexere Abbildfunktionen verwendet werden, etwa eine Fuzzy-Logik. Das ist nicht die Logik vom Fuzzi. Sorry, das musste jetzt doch rein. Auch andere Multimodale oder -dimensionale Funktionen w&#228;ren durchaus denkbar.<\/p>\n\n\t<p>Wir wissen, es fehlen entweder geignete Quantifier oder eben eine andere geeignete Struktur um das abzubilden (oder beides). Aber jenseits der <span class=\"caps\">PL1<\/span> gibt&#8217;s ja durchaus noch sch&#246;ne Ans&#228;tze. Mir gefallen die von Montague nach wie vor richtig gut. Wenn man vorher noch die &#8220;Grundlagen der Arithmetik&#8221; gelesen hat und, nunja, wenigstens halbwegs verstanden um was es Frege da geht (das ist zugegebenerma&#223;en nicht eben wenig), dann tauchen pl&#246;tzliche eine ganze Reihe von Optionen auf, die man mit einer naiven Lesart moderner Ans&#228;tze der Semantik nicht mehr erkl&#228;ren w&#252;rde. Allein die Vielfalt dieser Optionen verschwindet hinter einfacheren, behavioralen Ans&#228;tzen (Wortfeld oder Prototypen). Letztere sind dann auf andere Weise arm. Sie erkl&#228;ren Verhalten, k&#246;nnen aber keine Idee daf&#252;r liefern, wie die Bedeung zustande kommt, will meinen: <em>wie<\/em> sie gebaut wird (obwohl das jetzt gegen&#252;ber der Prototypensematik durchaus ein wenig unfair ist, zumindest was die sp&#228;teren Auspr&#228;gungen angeht). Insgesamt bleibt den metaphorisch-psychologischen Ans&#228;tzen ein gro&#223;es Opfer zugunsten einer oberfl&#228;chlichen Illusion von Inhalt. Und weil das so ein gemeiner Satz war, begr&#252;nde ich ihn ausnahmsweise: Die Interpretation eines Wortfeldes oder die einer prototypischen Struktur liegt au&#223;erhalb der Struktur selbst. Sie ist, wenn man so will, auf das wohlwollende Nicken mehrerer im Raum befindlicher Experten angewiesen, die glauben, dass das nach Sinn aussieht, d.h. dass es plausibel ist. Ein definitorischer Teufelskreis, der nebenbei bemerkt nun wirklich nicht der Semantik zu eigen ist.<\/p>\n\n\t<p>Das alltagsrelevant-fatale am Konjunktiv ist ja, dass er dort ebenso schwierig zu fassen ist wie in der formalen Welt. Er scheint zun&#228;chst der Unbestimmtheit zu dienen und unterst&#252;tzt nebenher grammatisch noch einige sch&#246;ne Formen der indirekten Rede. Genau genommen dient er aber in seiner Sprachverwendungshandlung zumeist zur Bestimmtheit, auch wenn er gerade als ein Stilmittel der <em>Un<\/em>bestimmheit erscheint. Die bestimmteste Ablehnung, beispielsweise, ist die unbestimmte. Auf die kann man nicht reagieren. Chancenlos, sozusagen. Er ist bildlich gesprochen eine Ohrfeige, auf die man schon rhetorisch nicht reagieren kann.<\/p>\n\n\t<p>Zur Erkl&#228;rung. Offenbar nehmen Mitmenschen (mich eingeschlossen) ihre Welt als immer komplexer werdend wahr&#8212;&#8220;In der Welt des 21. Jahrhunderts&#8230;&#8221; (als wenn wir w&#252;ssten, was das sei). Die Wahrnehmung kann den Grad der direkten Aggression mit dem Stilmittel rhetorischer Vagheit erkl&#228;ren. Es w&#228;ren (!) Tatsachen zu schaffen und im gleichen Moment um Himmels willen die Genese weiterer Komplexit&#228;t zu vermeiden. Wir sprechen ja nicht selten vom &#8220;Grad der Komplixit&#228;t&#8221; als sei das auch nur ordinal a priori bestimmbar.<\/p>\n\n\t<p>Kein Wunder, dass man bei der Gelegenheit ein ganz anderes definitorisches Unding immer h&#228;ufiger zu h&#246;ren bekommt: Die <em>Kompetenz<\/em> in all ihren Gestalten. Weil wir ja mit unserem Verhalten nachweislich keine Komplexit&#228;t bearbeiten k&#246;nnen, sonst w&#228;re die Komplexit&#228;t ja nicht komplex, versucht man nun die immanenten F&#228;higkeiten des Menschen wenigstens vom Begriff her nach au&#223;en zu st&#252;lpen. Auch wenn das nat&#252;rlich gar nicht geht. Aber irgendwie muss der Mensch darauf ja reagieren k&#246;nnen. Daher macht es &#8220;wunschseitig&#8221; nat&#252;rlich Sinn, ihm einfach alle beschr&#228;nkenden H&#252;rden zu nehmen. Keine Ged&#228;chtniseinschr&#228;nkung mehr, keine Sprachbarriere, keine Konzentrations- und Motivationssperren. Der Mensch als das, was er leisten <em>k&#246;nnte<\/em>, wenn er keine Beschr&#228;nkungen jedwelcher Art <em>h&#228;tte<\/em>. Wir nennen das in der Wissenschaft Kompetenz (was jemand ohne Einschr&#228;nkungen k&#246;nnte, z.B. einen unendlich verschachtelten Satz von sich geben) im Gegensatz zu Performanz (das was an Verhalten nach all den H&#252;rden noch herauskommt).<\/p>\n\n\t<p>Wir halten daher fest: &#8220;Kompetenzdiagnostik&#8221; ist absurd (es sei denn man ginge das esoterisch an), da wir nunmal nur Verhalten (= Performanz) beobachten k&#246;nnen.<\/p>\n\n\t<p>Der Wunsch nach einer <em>Transzendenz der Kompetenz<\/em> ist vor dem Hintergrund der subjektiv wahrgenommeneren Komplexit&#228;t sehr verst&#228;ndlich. Es lebe der kategorische Konjunktiv, das Allheilmittel des selbstversunkenen und tr&#228;umenden Alltags-Solipsisten!<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\t<p>M&#246;gen alle denken was sie wollen. Am Anfang war die Unstruktur, die Geburtsstunde des Solipsisten. Noch davor, und das Leben ist getr&#228;umt, aus dem Moment heraus. Etwas anderes ist nicht feststellbar. 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