{"id":1666,"date":"2010-10-29T22:51:27","date_gmt":"2010-10-29T20:51:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/?p=1666"},"modified":"2010-10-29T22:51:27","modified_gmt":"2010-10-29T20:51:27","slug":"in-vielen-gestalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/archive\/1666","title":{"rendered":"In vielen Gestalten"},"content":{"rendered":"\t<p>Der initiale Transfer ist abgeschlossen. Guten Morgen, Sonne, Wolken, Regen, Menschen mit den lachenden, weinenden, tr&#228;umenden, hoffenden, staunenden, zweifenden, resignierten Augen. Und jede Menge mehr. Ich befinde mich als seltsames Arbeitskonstrukt an einer interessanten Stelle,&#160; an einer Karriereposition, die mir von einem Viertel der Menschen als Karrieresackgasse, von einem anderen Viertel als Karrierechance per se, von anderen widerum gar nicht oder mit der, wie ich finde, geb&#252;hrenden Menge an ironisiertem Spott ausgelegt wird.<\/p>\n\n\t<p>Ich vertrete also den Lehrstuhl f&#252;r P&#228;dagogische Psychologie an der Friedrich-Schiller-Universit&#228;t (FSU, sic!) zu Jena. Ich darf ausprobieren, was es hei&#223;t, als Professor an einer deutschen Universit&#228;t zu arbeiten. Mit allem was dazugeh&#246;rt. Ich bin sowas wie ein <em>PiP<\/em>, ein Professor im Praktikum. Ich hoffe, dass man zu dem Urteil kommt, dass ich f&#252;r diesen sch&#246;nen Beruf geeignet bin. Ich hoffe, dass ich die zahlreichen Herausforderungen meistern kann.<\/p>\n\n\t<p>Ich mag Jena, ich mag Jena, es ist manchmal ein wenig grau, dann mag ich es nicht. Ansonsten mag ich Jena. Es ist &#228;hnlich verschlafen wie Freiburg, hat die H&#228;lfte der Einwohner, auch viele Touristen, aber weniger (wesentlich weniger) sch&#246;ne Caf&#233;s. Aber es hat welche. Und die sind durchaus attraktiv. Nein, ich bin nicht in der &#8220;Stadt der erloschenen Lampen&#8221; angekommen. Jena hat ebenfalls eine &#228;hnliche Wohnsituation wie Freiburg. Sogar so evident, dass ich diesen Umstand ungeplanter Weise als Ice-Breaker in der Vorlesung verwenden konnte. Als ich sagte, dass ich &#8220;vor zwei Wochen herkam&#8221; und dann versuchte in Jena eine Wohnung zu finden, haben meine Studierenden gelacht. Nat&#252;rlich haben sie sp&#228;ter im Verlauf noch mehr gelacht. Bei ann&#228;hernd 400 Leuten geht es um mehr als um ein deklaratives Feuerwerk an illustren Informationen. Zumindest, wenn man nicht gleich mit blo&#223; noch 80 Leuten im gro&#223;en (immer noch zu kleinen) H&#246;rsaal stehen will. Ich lese zu &#8220;Lernen, Entwicklung, Sozialisation&#8221;. Das ist gut und gerne eine Vorlesung &#252;ber alles im Fach. Vom Modul her ist sie daher im ersten Semester ganz gut platziert. Es sitzen aber auch Menschen im 11. Semester drin. Alle willkommen, herzlich Willkommen, mehr als willkommen. Die Vorlesung hat im &#220;brigen den Zusatz &#8220;eine Einf&#252;hrung&#8221;. Das ist zwar typisch Deutsch irgendwie, aber hilft auch. Denn eine einzelne Sitzung zur &#8220;Kognition des Lernens&#8221; k&#246;nnte sonst durchaus aus dem Ruder geraten. Vorlesung, das ist wesentlich anstrengender als ich immer dachte. Ich hatte bislang schon gro&#223;en Respekt vor den Kolleginnen und Kollegen, die das machen. Jetzt ist der noch etwas gewachsen.<\/p>\n\n\t<p>Weil es gebraucht wurde, habe ich mein Freiburger B&#252;ro ger&#228;umt. F&#252;r die Zwischenzeit. Ich werde ja mit gro&#223;er Wahrscheinlickeit dahin zur&#252;ckkehren. Kommendes Semester vielleicht, oder noch eins weiter. Ich bin nicht nur mit einem lachenden Auge gegangen&#8212;auch wenn ich nach all den Jahren auch den ganzen angesammelten Unrat endlich mal loswerden konnte. Ich muss dringend in Freiburg eine Sprechstunde anbieten, es sind ja noch ein paar F&#228;den offen (oder f&#252;nf).<\/p>\n\n\t<p>Die Th&#252;ringer begegnen mir auffallend herzlich. Bislang gab es da nichtmal Ausnahmen! Man scheint hier eine zun&#228;chst skeptische aber gleichzeitig zutiefst anteilnehmende und hilfsbereite Kultur zu pflegen. Man sp&#252;rt nat&#252;rlich allgegenw&#228;rtig nach wie vor den tiefen Krater, den insbesondere die zurecht verhasst-verachtete Treuhand hier hinterlassen hat. Nicht zu offen, aber sichtbar, h&#246;rbar. Da war nicht viel her mit der W&#252;rde, schon gar nicht von der der Menschen. Ich hoffe in latenter Naivit&#228;t, dass sich diese tiefen Wunden einst heilen lassen. Derzeit ist man weit entfernt davon.<\/p>\n\n\t<p>Ich habe nat&#252;rlich auch Kollegen. Auch hier bin ich mehr als positiv &#252;berrascht und erstaunt. Danke Vicky, Nicole, Regina, Caro, Zolt&#225;n, f&#252;r die gro&#223;e Offenheit, Freundlichkeit und Unterst&#252;tzung in den ersten Wochen. Es ist ja nicht eben wenig, was wir als &#8220;Rumpf-Crew&#8221; gerade zu stemmen haben. Fridolin hei&#223;t ein von mir hoch gesch&#228;tzter Mensch, der offiziell eine Position als wissenschaftliche Hilfskraft inne hat, gerade vor diesem Hintergrund unglaubliches leistet und menschlich ein riesiges Gl&#252;ck ist. Ich muss ihn mal mit nach Freiburg bringen&#8212;bei n&#228;chster Gelegenheit.<\/p>\n\n\t<p>Inzwischen habe ich rausgefunden, was &#8220;Lehramt (alt)&#8221; und &#8220;Lehramt (neu)&#8221;, das Jenaer Modell, der Bachelor-Studiengang, der Master-Studiengang und der (auslaufende) Magisterstudiengang f&#252;r verschiedene N&#246;te haben und wie man ein paar davon mit geeignetem Lehrangebot wandeln kann. Ich habe, wie auch in Freiburg, einen sehr positiven Eindruck von den Studierenden&#8212;was ja auch klar ist: Menschen, die sich in das Fach aufmachen, das ich so liebe&#8212;da f&#228;llt alles nat&#252;rlich ein wenig leichter. Gut, dass ich einigen auch im Seminar begegnen darf. Aus der Sprechstunde habe ich schon so manch interessanten und\/oder &#252;berraschenden Impuls mitgenommen, sei es menschlicher oder inhaltlicher Art.<\/p>\n\n\t<p>Mein B&#252;ro mit der Raumnummer 119 sieht derzeit allerdings noch aus wie ein K&#252;hlschrank. Es wird gleich ein paar Grad k&#228;lter, wenn man hereinkommt. Irgendjemand, der nicht ich ist, muss das mal so gewollt haben. Da werde ich demn&#228;chst wenigstens ein paar Bilder mitbringen. Auf dass die Umgebung etwas mehr mit meiner Person harmoniere.<\/p>\n\n\t<p>Bleibt noch was zum Pendeln zu sagen. Ich pendle ja einerseits zwischen Freiburg und Weimar (Wochenende) und andererseits zwischen Weimar und Jena (t&#228;glich). Das Bahnfahren ist nicht weiter schlimm. Auf den langen Strecken kann ich ganz gut arbeiten, und unter den Arbeiten, die anfallen, sind hinreichend solche, die ich auch im Zug erledigen kann. Also ist das kein Problem. Diese Stunden kann ich faktisch ganz in Th&#252;ringens Dienst stellen. Die kleinen Bahnfahrten reichen aus um einen absonderlichen Gedanken zu fassen oder etwas aus einer g&#228;nzlich anderen Perspektive zu sehen. Eine willkommene Gelegenheit, zumal die Termine sich jetzt ja ansonsten jeweils gegenseitig jagen.<\/p>\n\n\t<p>Das Pendlerleben andererseits ist seltsam. Eigentlich f&#252;hlt es sich so an, als sei ich immer unterwegs. Nie irgendwo sesshaft. Mir fehlen die Menschen in meinem Umfeld unter der Woche ziemlich. Das ist auf besondere Weise anders als &#252;blicherweise auf Reisen oder wenn man sich w&#228;hrend der Woche aufgrund langer Arbeitszeiten nicht viel sieht. Ich werde mich vermutlich etwas mehr daran gew&#246;hnen, sicher aber nie ganz.<\/p>\n\n\t<p>Die B&#252;rokratie mit dem doppelten Wohnen und all&#8217; dem Drumherum habe ich f&#252;r&#8217;s Erste wohl besiegt&#8212;das geschieht nat&#252;rlich nie endg&#252;ltig und die Steuererkl&#228;rung f&#252;r 2010 wird mit Sicherheit ein komplexes, dynamisches Konstrukt mit vermutlich hinreichend Entropie. Aber das ist momentan ja noch ein wenig hin.<\/p>\n\n\t<p>Soweit der neue &#220;berblick. Einzelheiten wird&#8217;s dann sicher auch noch geben.<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\t<p>Der initiale Transfer ist abgeschlossen. Guten Morgen, Sonne, Wolken, Regen, Menschen mit den lachenden, weinenden, tr&#228;umenden, hoffenden, staunenden, zweifenden, resignierten Augen. Und jede Menge mehr. 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