{"id":1676,"date":"2010-11-25T11:21:04","date_gmt":"2010-11-25T10:21:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/?p=1676"},"modified":"2010-11-25T11:21:04","modified_gmt":"2010-11-25T10:21:04","slug":"schweigen-der-stille","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/archive\/1676","title":{"rendered":"Schweigen der Stille"},"content":{"rendered":"\t<p>Es war ungewohnt still geworden im Seilerhaus. Viele Menschen waren nicht da. Der Seiler war krank geworden, und das hatte seinen Einfluss. Die Seile waren dann ungewohnt trocken und konnten insgesamt f&#252;r nur sehr wenige Aufgaben verwendet werden. Aber es kamen eben immer noch aus dem Haus des Seilers. Und das war nicht irgendwas. Selbst in dieser kaum verwendbaren G&#252;te waren sie immer noch besser als so manch&#8217; andere Alternativen. Die R&#228;ume scheinen heute gr&#246;&#223;er. Vielleicht, weil niemand da ist&#8212;obschon sie ja kleiner als heute erscheinen. Selbst wenn jemand in einem anderen Raum ist und ich im Grunde doch gelegentlich allein in einem Raum bin. Das sind selstame metaphysische Unterschiede. Die Wirkung der Raumgr&#246;&#223;en ist abh&#228;ngig von der gew&#228;hnten N&#228;he unsichtbarer Gesellschaften, jener Ansammlungen von Personen von vielfach verschiedenen definierter Funktion. H&#228;tte ich Gelegenheit dazu, dann w&#252;rde mir jetzt ein wenig &#252;bel werden. Eigentlich ist der permanente K&#228;segeruch aus den Abstreifungen der Seile au&#223;erhalb von diesem Ort sicher kaum zu ertragen. Hier geh&#246;rt er irgendwie dazu. Der Ort w&#228;re fade ohne den Geruch. Und nat&#252;rlich f&#228;rbt er auch alle anderen vielfachen Ger&#252;che, sobald Menschen da sind. Mehr noch: Er bestimmt auch, mit welchen Ger&#252;chen die Menschen sind einkleiden. Die meisten der hier sonst anwesenden, sind D&#252;ften und Ger&#252;chen gegen&#252;ber sehr aufgeschlossen. Das ist ein unsichtbares, raumf&#252;llendes Moment. Es fehlt nun. Die trockenen Seile, die mich traurig an die Krankheit des Seilers erinnern, der K&#228;segeruch alleine und das Fernbleiben der gewohnten und eben auf das ganze Seilerhaus und seine verschrobenen Insassen zurechtkomponierten D&#252;fte. F&#252;r den Moment scheint mir das als erkl&#228;rende Ursache genug f&#252;r die Wirkung der gr&#246;&#223;eren R&#228;ume. Ich drehe mich kaum zehn Grad nach links, tippe zweimal mit der Schuhspitze, Blick an die Decke und an den Boden. Dem Raum allein fehlt es an Eleganz, wie ich meine. Er birgt zwar ein St&#252;ck zu Hause in dem komplexen Geflecht, das seine Erscheinung und meine inzwischen zahlreichen Erinnerungen bieten, aber er ist doch nicht wirklich zu Hause.<\/p>\n\n\t<p>So, als k&#228;me man nach Jahren einmal in das die Wohnung oder das Haus zur&#252;ck, das man zu Kindertagen einmal intensiv bewohnt hatte und dem man eine zeitlang irgendwie traurig hinterhergetr&#228;umt hat. Ich warte ab, ob mir der Raum nicht einfach so eine Geschichte erz&#228;hlt. Als eigentlicher Hintergrund, die spannende Bewegung der Kulisse. So, wie in dem Film Koyaanisqatsi etwa. Aber ich habe keinen menschlichen Zeitraffer eingebaut. Oder besser: der ist invers aktiv. Wenn viel passiert, dann ist der an. Wenn wenig passiert, dann gilt die Zeitlupe. Also lausche ich den ehrw&#252;rdig langsamen Bewegungen, dem Atmen von Objekten. Es vergeht sehr viel gef&#252;hlte Zeit. Die Muster sind kaum erkennbar. Mir scheint aber, als entdecke ich in dieser langsamen Bewegung einen Impuls, gerade zu wenig, um ein echtes Muster zu sein. F&#252;r heute soll meine Erkl&#228;rung ausreichen, dass Personen (per sona, und so weiter) diesem Impuls etwas entgegen setzen m&#252;ssen, um ihrerseits substantiell etwas davon mitzunehmen. Ich habe eine ganz einfache und sehr oberfl&#228;chlich erscheinende Interaktion zwischen dem Raum und der Person entdeckt. Ein Grundprinzip der Resonanz. Der Klang (per sona) breitet sich nicht ohne einen K&#246;rper aus, genauer: nicht ohne einen Hohlraum. Und dieser Resonanzk&#246;rper hat es in sich, hat wie bei einem expertisereich gespielten und geliebten Instrument ein so bewundernswertes Eigenleben, das es mir schwerf&#228;llt den Klang (per sona) vom Raum (locatio) zu trennen. Ich habe also mit offenen Augen, Ohren und Nase, frei in den Raum hinein-halluziniert. Das Seilerhaus hat sich mit einer Erkenntnis bedankt, die mir ohne seine Intensit&#228;t zu schwach zum Bemerken und zu vage zum Begreifen gewesen w&#228;re. Ob der Raum selbst oder meine Erinnerungen der Umgebung diesen Ausdruck verliehen haben, verschlie&#223;t sich meinem Verstand. Meine Intuition m&#246;chte das mal so herum, mal anders herum interpretiert wissen. Je nach Laune: Ganz Intuition eben.<\/p>\n\n\t<p>So stehe ich hier frei, und werde doch von meinem aufkeimenden Bed&#252;rfnis nach deutlich weniger subtilen Impulsen gefesselt. Der Raum bindet mich durch meine Erwartung, die er f&#252;r mich erf&#252;llen soll, und der er an sich nicht entsprechen kann. W&#228;ren auch nur zwei von uns hier drin, so w&#228;re die Komplexit&#228;t schon nicht zu &#252;berbieten. Mir ist nach dem Rausch der &#220;berraschung, nach den betrunkenen Momenten der Erf&#252;llung von vorsichtshalber nicht Erwartetem. Mir ist nach Br&#252;chen in der Moral, nach Illegalit&#228;t vor dem Hintergrund von Konventionen. Ich m&#246;chte mich darin w&#228;lzen, meine Moral dar&#252;ber nicht zu ersch&#252;ttern. Orte k&#246;nnen derartige Paradoxien auf wundervolle Art und Weise versprechen. Und das Seilerhaus kann das ganz besonders gut. Ich stehe also erstaunt und gefesselt, ohne je gebunden zu sein, in einem Raum voller drittklassiger Seile, deren Wert immer noch hoch genug ist, so dass man sich keine Sorgen machen muss. Br&#228;che doch eine Bedrohung der Stille &#252;ber mich her. Dann taucht aus der Stille pl&#246;tzlich eine Bedrohung auf. Genauer: Die Stille ist die Drohgeb&#228;rde des lebendigen Raums. Und Person, die ich nunmal bin, erkunde ich das als Wunsch des Raums: Schreie, Bewege, Bef&#252;lle mich mit lauter verr&#252;ckkten Absurdit&#228;ten. Und ich b&#252;rde dem Raum das Versprechen auf, dass dieses Tun die Stille f&#252;r kurze Momente zum schweigen bringt. Der Seiler ist krank, aber ich wei&#223; nicht wo er ist. Und selbst, wenn ich das w&#252;sste, dann k&#246;nnte ich ihm nicht helfen. Er wird auf die eine oder andere Art gesund werden und dann wieder seine erstklassigen Seile anfertigen. Hier werden dann wie immer viele Menschen sein, die ihm auf die eine oder andere Art dabei helfen, den Raum mit kleinen, sch&#246;nen St&#246;rungen durchziehen oder etwas anderes tun, um der Stille eben dieses kurze Schweigen abzuringen.<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\t<p>Es war ungewohnt still geworden im Seilerhaus. Viele Menschen waren nicht da. Der Seiler war krank geworden, und das hatte seinen Einfluss. Die Seile waren dann ungewohnt trocken und konnten insgesamt f&#252;r nur sehr wenige Aufgaben verwendet werden. Aber es kamen eben immer noch aus dem Haus des Seilers. Und das war nicht irgendwas. 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