{"id":1685,"date":"2010-12-02T14:10:31","date_gmt":"2010-12-02T13:10:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/?p=1685"},"modified":"2010-12-02T14:10:31","modified_gmt":"2010-12-02T13:10:31","slug":"nadel-und-farbe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/archive\/1685","title":{"rendered":"Nadel und Farbe"},"content":{"rendered":"\t<p>Es sind inzwischen wieder Menschen im Seilerhaus. Im &#252;blichen Umfang, viele Menschen. Ich h&#246;re sie auch wieder lachen und schreien; und beides. Sie zieht mich in einen kleinen, dunklen Raum, den ich noch nie betreten habe und der mir auch noch nicht aufgefallen war. Blitzartig bindet sie meine H&#228;nde auf den R&#252;cken, so dass die Handr&#252;cken aneinander liegen und die Finger zwischen den Schultern nach oben zeigen. Dann zeigt sie mir die Farben. Es seien die Farben der Zeit, bedeutet sie humorvoll. Ich sehe verschiedene Gr&#252;nt&#246;ne, Orange dazwischen, wei&#223;, verschiedene Erden. Eine kleine Nadel kratzt &#252;ber meine Lippen w&#228;hrend ich zu ergr&#252;nden versuche, wo die Farben herkommen und was sie mir erz&#228;hlen. Sie hat die Essenz des Seilers getrunken, sagt sie. Lacht vergn&#252;gt und etwas &#252;berdreht auf, streift mich im Vorr&#252;bergehen. Kurze, winzige Farbeindr&#252;cke, mehr kann ich nicht erkennen. Sie sagt nun nichts mehr. Hin und wieder spielt etwas warmes Metall vor meinem Mund. Kaum verletztend, blo&#223; eine Andeutung, was w&#228;re, wenn etwas w&#228;re, weil etwas w&#228;re, wodurch etwas w&#252;rde. Ich gleite aus, lande unsanft auf dem Boden. Sie hat mich nicht gesto&#223;en. Etwas Luft entweicht den Lungen beim Aufkommen, was kein Aufprall ist: Die Seile auf dem Grund sind weich. Sie m&#252;ssen aus der besten Zeit des Seilers stammen, weil sie so gut gebunden sind. Es sind Meisterwerke. Zusammen mit den gelegentlichen Farbblitzen, die ihre Bedeutung vielleicht weit jenseits meiner Interpretation entfalten bildet die Anwesenheit von solcher Kunstfertigkeit, gleichzeitig von ihr, von blo&#223; etwas zu wenig Farbe um &#252;berhaupt etwas zu sehen. Eine seltsame Sinnesverwirrung, auf die ich mich st&#252;rze, weil sie eben einen Moment abbildet, an dem die Stille schweigt. Kl&#228;nge gibt es keine. Ich h&#246;re nichtmal meinen Atem. Ich sp&#252;re dieses Objekt, das ich immer noch f&#252;r eine Nadel halten muss; gerade zwischen etwas schmeichelhaft Sanftem und etwas in seinem Ausdruck Hartem gefangen. Mir ergibt sich ein Moment der Undefiniertheit jedwelcher Umgebung. Und zwar nicht als d&#252;mmlich-intellektuelle Kakofonie, sondern als direkt Begreifbares. Und zwar gleichzeitig. Mir f&#228;llt noch ein, dass das irgendwie paradox sein d&#252;rfte. Ich muss breit grinsen, weil mir, sonst ein Mensch der Symbole und der Sprache, die Bez&#252;ge&#8212;und das bedeutet: die Begriffe selbst und nicht die Zeichen&#8212;abhanden kommen. Mir f&#228;llt dabei kurz auf, wie leicht so ein Moment herzustellen, besser gesagt: zu schenken ist. Wie einfach sich zwei oder mehrere nahezu beliebig zusammengew&#252;rfelte Menschen diesen berauschenden Wahnsinn schenken k&#246;nnen. Und das vor dem Hintergrund, wie viele diesen &#228;sthetischen Abgrund suchen und ihn sich bei jeder nahenden Gelegenheit immer wieder verweigern. Ich falle zur&#252;ck in das gro&#223;e Geschenk, das mir gerade zu Teil wird. Konkretion, Enaktion, Ergo anstelle von Heureka. Es brennt und kitzelt auf meiner Lippe und ein Muster ist den Lichtblitzen beim besten Willen nicht zuzuordnen. Hier und da streift sie mich, unregelm&#228;&#223;ig und zugleich best&#228;ndig. Das h&#228;lt mich davon ab, in mittelm&#228;&#223;igen Interpretationswolken zu verschwinden, was zwar auch eine sch&#246;ne Bet&#228;tigung ist. Aber bei weitem nicht erf&#252;llender als dieser Moment. Dann ist sie ganz pl&#246;tzlich da. Urspr&#252;nglich und wild. Direkt und vor allem fern jeder Frage. Nimmt sich von mir, was in diesem Moment schon aus blo&#223;em Anstand ihr geh&#246;ren m&#252;sste. Ich frage nichts mehr und lasse mich in ihren Puls sinken, der mich f&#228;ngt, wie ich noch nie gefangen wurde. Ohne Widerstand, aber stark aufbrausend, weil das entweder meine Natur ist oder mir irgendwann (eher fr&#252;h) klar wurde, dass diese Variante der Entgegnung hinreichend h&#228;ufig auf viel Erf&#252;llung im Gegen&#252;ber st&#246;&#223;t. Synchron f&#228;hrt zwischen den Anst&#246;&#223;en und Hindernissen diese Nadel etwas tiefer in meine Lippe, so taktvoll zur Sekunde des v&#246;lligen Verr&#252;cksteins, dass die Sinneskategorien selbst zu etwas verschmelzen, was mir bis dahin nicht begegnet war. Es fehlt eine Kategorie des Konkreten in einem Augenblick, der mir ansonsten ja als Mensch und S&#228;ugetier direkter kaum begegnen kann.<\/p>\n\n\t<p>Nach einer genussvollen Ewigkeit trete ich vor die T&#252;r. Tiefe Dankbarkeit dr&#228;ngt sich in den Vodergrund erlebter Welt, die so viel reicher ist als die blo&#223; ertr&#228;umte. Diese Dankbarkeit verdr&#228;ngt einerseits das Urspr&#252;ngliche und f&#228;delt die Welt&#8212;wie auch nach vielen anderen Gelegenheiten&#8212;wieder in mich hinein. Ich war bis hierhin jedoch nie der Dankbarkeit dankbar. Der Gedanke scheint mir nun gar nicht mehr so absurd. Das Licht blendet, und es ist ja doch nur das ged&#228;mpfte milchige Glimmen im Seilerhaus. Ein paar Menschen meinen Alters huschen kichernd vorbei. Mir fehlt zur Stunde die Phantasie um mir vorzustellen, was sie anderes erlebt haben. Es mag wohl von besonderer Intensit&#228;t gewesen sein. Ich schlendere gem&#252;tlich nach oben. Dort begegnen mir Menschen, die irgendwie tief in mich hineinschauen und ein paar meiner Symbole herausrei&#223;en. Menschen, die sich etwas von meinem Wissen vermitteln. Warum auch immer sie das haben wollen. Ich lasse sie gew&#228;hren und schenke ihnen ein L&#228;cheln. Ein tiefer Ton k&#252;ndet vom Manufakturenraum. Es werden wieder neue Seile gefertigt.<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\t<p>Es sind inzwischen wieder Menschen im Seilerhaus. Im &#252;blichen Umfang, viele Menschen. Ich h&#246;re sie auch wieder lachen und schreien; und beides. Sie zieht mich in einen kleinen, dunklen Raum, den ich noch nie betreten habe und der mir auch noch nicht aufgefallen war. 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