{"id":1705,"date":"2011-01-16T22:56:22","date_gmt":"2011-01-16T21:56:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/?p=1705"},"modified":"2011-01-16T22:56:22","modified_gmt":"2011-01-16T21:56:22","slug":"vier-kategorien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/archive\/1705","title":{"rendered":"Vier Kategorien"},"content":{"rendered":"\t<p><!-- p, li { white-space: pre-wrap; } -->Ich vermute, dass der Seiler zur&#252;ck gekehrt ist. Ich w&#252;nsche ihm alle gute Besserung, die er in seinem Zustand gebrauchen kann.<\/p>\n\n\t<p>Meine Lippe schmerzt noch ein wenig bei bestimmten Gelegenheiten. Wenn ich eine Orange esse, oder wenn mich jemand im Vorr&#252;bergehen etwas zu st&#252;rmisch k&#252;sst und mich nicht genug kennt, um &#252;ber den Zustand meiner Lippen irgendwelche Annahmen zu machen. Dann tut es ein wenig weh, aber im durchaus freudigen Kontext. Fruchtzucker und K&#252;sse. Grundbed&#252;rfnisse. Sie ist heute unterwegs, Espresso br&#252;hen. Diesmal hat <em>sie<\/em> eine Wette verloren und ist au&#223;er Haus. Und au&#223;er sich, weil sie unglaublich ungern Wetten verliert. Zum Gl&#252;ck hat sie sie nicht gegen mich verloren. In der Manufaktur werden wieder Seile gefertigt. Es riecht nach frischem K&#228;se, nach guter Zunft in den Seilen. Die Manufaktur kenne ich nur aus Erz&#228;hlungen. Nur die besten Gesellen haben da Zutritt. Es ist fast schon ein magischer Ort im Seilerhaus, der diesen Ruf vermutlich seiner begrenzten &#214;ffentlichkeit zu verdanken hat. Ich habe die Gesellen immer nur stumm in die Manufaktur gehen sehen. Aber sie waren auch unaufgeregt, ausgeglichen. Mir fiele nichts au&#223;er dem Seilerhaus selbst ein, dass Menschen so ausgeglichen sein l&#228;sst. All die Ausbr&#252;che und Kontexte, all die aufgebrochenen Schubladen und die Welten und Aberwelten, die sich immer wieder neu zusammensetzen. Das Geflecht der Dinge bringt die Dinge hervor, die das Geflecht der Dinge st&#252;tzen. Das geht eigentlich gar nicht, findet jedenfalls ein nicht ganz unbekannter Mathematiker. Geht ja wohl. Wenn die Manufaktur l&#228;uft, dann ist das immer ein unbeschwerter Tag im Seilerhaus. Bis auf einmal, aber das hatte ganz seinerzeit andere Gr&#252;nde.<\/p>\n\n\t<p>Ich lehne mich ein wenig zur&#252;ck. Es ist noch eine Stunde hin, bis ich an den Seilen erwartet werde. Ich darf mich heute mal wieder daran versuchen und probiere verschiedene Bewegungen aus, damit ich auf dem Weg dorthin auch ein wenig so aussehe, wie die Gesellen bevor sie die Manufaktur betreten. Bei mir sieht es aber so aus als ob. Da m&#252;ssen nat&#252;rlich noch einige Geheimnisse gel&#252;ftet werden. Ich gebe den Versuch vorerst doch auf. Mir wird die Haltung schon zuteil werden, sobald es dann soweit ist.<\/p>\n\n\t<p>Statt dessen beschlie&#223;e ich die Philosophierenden aufzusuchen. Das sind keine Philosophen. Aber genau das macht diese seltsame Gruppe aus, die auf allzu entspannte und gleichsam nicht zu methodenbeladene Art &#252;ber ihren Alltag m&#246;glichst bedeutungsschwanger nachdenken m&#246;chte. Reine Kopf-R&#252;ckkopplung, nicht anstrengend aber hinreichend anregend. Ich erfahre, dass die Welt fest in vier eigenst&#228;ndige Kategorien eingeteilt sei. Welche es diesmal sind, vergesse ich sofort wieder weil ich meine Aufmerksamkeit dazu gebrauche, meinen Kopf relevant nicken zu lassen. Ab und zu wiege ich ihn auch hin und her um zu signalisieren, dass ich nicht sicher bin, ob ich an dieser Stelle auch widerstandsfrei zustimmen will. Insgesamt f&#252;hrt dieses Verhalten dazu, dass man mich einerseits willkommen hei&#223;t und andererseits in Ruhe l&#228;sst, auch wenn ich keine eigenen gro&#223;en Erg&#252;sse beizutragen habe. Heute f&#252;hle ich mich da wohl. Ich bin in Gesellschaft. Es ist andererseits nicht schlimm, wenn ich abschweife oder gar nicht bei der Sache bin. Denn es geht um nichts. Man m&#252;sse etwas leerer werden als in unseren Kreisen &#252;blich. Im Kopf. Das hat mir mal ein Geselle gesagt. Es sei andererseits falsch, sich etwa mit Meditationstechniken in einen Zustand m&#246;glichst v&#246;lliger Leere zu versetzen. Ein von uns bereits selten erreichtes Mittelma&#223; an Ausleerung w&#228;re genau geeignet. Ich versuche daher Situationen aufzusuchen, die mir &#252;ber ihren zeitlichen Verlauf hinweg m&#246;glichst viele Freiheiten in Richtung Leere oder Anregung erlauben. Zur Zeit scheint mir die Gruppe diese engagierte Gruppe der Philosophierenden zu diesem Zweck besonders geeignet. Die vierte Kategorie sei besonders wichtig, bleibt mir im Ged&#228;chtnis, weil man ja sonst immer <em>drei<\/em> angenommen hatte und schlie&#223;lich immer noch was &#252;brig bliebe.<\/p>\n\n\t<p>Irgendwann entschuldige ich mich und gehe wieder. Irgendwas hat mich gest&#246;rt und aufgeregt: Nicht gut f&#252;r die Leere. Noch ein paar orientierungslose Minuten verstreichen. Dann tauchen Meine H&#228;nde in den K&#228;se und in die neu geformten Seile. Langsam, vorsichtig, immer eine Vorstellung in den H&#228;nden sp&#252;rend. Durfte ich doch inzwischen bei einigen Gelegenheiten die Meisterwerke aus erster Hand bestaunen. Aber es ist ein &#252;bler Trick, den mir der Verstand da spielt. Einerseits gibt es da dieses perfekte Modell, andererseits sind weder Verstand noch Motorik in der Lage, dem auch nur ann&#228;hernd nachzueifern. Bleibt mir eine Art Hoffnung: Eines Tages. Beim Wetteifern merke ich nicht, wie die Stunden verstreichen. Sp&#228;ter am Tag sehe ich den Seiler aus der Manufaktur kommen. Er muss sich gerade geschnitten haben und macht nun eine Pause. Er sieht mich kurz an, sagt: &#8220;gut gemacht.&#8221; Ich habe keine Ahnung, auf was er das bezieht. Hatte er Gelegenheit, meine Arbeit zwischendurch zu sehen? Hat er mich mit jemandem verwechselt? Ich danke schnell, bevor er schon wieder weg ist und gehe mit einem guten Gef&#252;hl&#8212;w&#228;hrend der Abend &#252;ber das Seilerhaus f&#228;llt.<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\t<p>Ich vermute, dass der Seiler zur&#252;ck gekehrt ist. Ich w&#252;nsche ihm alle gute Besserung, die er in seinem Zustand gebrauchen kann. Meine Lippe schmerzt noch ein wenig bei bestimmten Gelegenheiten. 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