{"id":1802,"date":"2011-07-06T01:28:41","date_gmt":"2011-07-05T23:28:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/?p=1802"},"modified":"2011-07-06T01:28:41","modified_gmt":"2011-07-05T23:28:41","slug":"erbarmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/archive\/1802","title":{"rendered":"Erbarmen"},"content":{"rendered":"\t<p>Aber einbrechende Nacht ist so gar nicht, was wir nun erleben. Pl&#246;tzlich zerrei&#223;t die Stille, die selbst keine ruhige Stille war. Durch Risse dringt grelles Licht. Aus dem Innern des Hauses. Nicht von au&#223;en. Allen ist in ihrer L&#228;hmung klar, dass das nichts Gutes bedeuten kann. Nichts f&#252;r <em>uns<\/em> Gutes allenthalben. Die Risse werden gr&#246;&#223;er. Seltsame, hoch gewachsene menschliche Gestalten treten hindurch, setzen in gespenstischem Gleichtakt Fu&#223; um Fu&#223; in unsere stillstehende Welt. Eine Figur nach der n&#228;chsten. Sie bringen das glei&#223;ende Licht mit, das alles Verzehrende. Vor einer ver&#228;ngstigten jungen Frau bleibt eine der Figuren stehen. Man sieht ihr feingliedriges, ebenes Gesicht. Sie l&#228;chelt in diesem barmherzigen L&#228;cheln, das man von Heiligenbildern kennt, h&#228;lt eine d&#252;nne Schnur empor. Auch diese Schnur leuchtet, pulsiert. Sie wickelt sich wie von selbst um den Hals der &#228;ngstlichen Frau. Mit einem Ausdruck von G&#252;te im Gesicht der Eindringenden f&#228;llt der Kopf der jungen Frau auf den Holzboden, im ged&#228;mpften Klang. Ihr K&#246;rper sackt zusammen und f&#228;llt auf Holz und den schmierigen K&#228;se. Unter dem Fu&#223; des Eindringlings kommt ihr K&#246;rper zur Ruhe. Regung und L&#228;hmung f&#252;hren sichtbar in uns allen einen nie dagewesenen Wettstreit w&#228;hrend wir sehen, dass einer um den anderen f&#228;llt und immer mehr grelle Gestalten auftauchen. &#8220;Sie bringen den Stahl&#8221;, schluchzt eine mir sehr nahe stehende Gesellin, die ich so oft in die Manufaktur gehen sah. Dann f&#228;llt auch sie. Auf mir liegen Seilerhausk&#246;rper, im kurzen Aufgenblick entwertet. Stets mit einem Ausdruck der Gnade im Gesicht der Stahlschmiede. Dann betritt sie den Raum. Die Stahlschmiedin. Gro&#223;, schlank, mit einem gleichg&#252;ltigen Gesicht. Ihre liebevolle Stimme erklingt: &#8220;Wir werden hier aufr&#228;umen.&#8221; Sie ber&#252;hrt einige, die noch leben. Wie alle anderen in sich zusammen brachen, so stehen die Ber&#252;hrten auf. Sie tragen unmittelbar eine noch viel schlimmere Leere als all die Toten. Ihre Augen sind von Glanz erf&#252;llt, ihre einst so aufbegehrenden Impulse sind gebunden, ihr Wille geh&#246;rt augenblicklich ihr, der Stahlschmiedin. Sie folgen ihrer g&#252;tigen  und ruhigen Handbewegung. All dies kommt mir vor, als erlebte ich Jahre der L&#228;hmung. Rings um mich herum sind Enthauptete und Ber&#252;hrte. Die Stahlschmiedin schreitet majest&#228;tisch durch die Reihen, begleitet von ihren grazilen K&#228;mpferinnen, stets das glei&#223;ende Licht mit sich bringend. Nach einer erlebten Ewigkeit steht sie vor mir. Mir ist als falle ich tief. Ganz tief in mich zur&#252;ck. Als sei ich nicht mehr und gerade am entstehen. Ich sp&#252;re einen mir zutiefst fremden Wunsch. M&#246;ge sie mir auch den Kopf nehmen, mich erl&#246;sen, mich nicht des Willens berauben und ausleeren. Jeder meiner Atemz&#252;ge soll mein eigener sein. Ich m&#246;chte Leben, nicht einfach existieren. Meine Lippen formen in unendlicher Langsamkeit das Wort &#8220;Ende&#8221;. Sie, die Stahlritterin, aber h&#228;lt die schlimmste Folter f&#252;r mich bereit: Erbarmen. Und in diesem Moment werde ich von ihr ber&#252;hrt.<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\t<p>Aber einbrechende Nacht ist so gar nicht, was wir nun erleben. Pl&#246;tzlich zerrei&#223;t die Stille, die selbst keine ruhige Stille war. Durch Risse dringt grelles Licht. Aus dem Innern des Hauses. Nicht von au&#223;en. Allen ist in ihrer L&#228;hmung klar, dass das nichts Gutes bedeuten kann. Nichts f&#252;r uns Gutes allenthalben. Die Risse werden gr&#246;&#223;er. 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