{"id":1922,"date":"2012-07-02T11:29:05","date_gmt":"2012-07-02T09:29:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/?p=1922"},"modified":"2012-07-02T17:04:13","modified_gmt":"2012-07-02T15:04:13","slug":"alcina-in-koln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/archive\/1922","title":{"rendered":"Alcina in K\u00f6ln"},"content":{"rendered":"\t<p>Um es auch diesmal wieder vorweg zu nehmen: Die Alcina in K&#246;ln ist ganz besonders sehenswert. Einen &#220;berblick &#252;ber die Inszenierung und Handlung gibt es hier:<\/p>\n\n\t<p><a title=\"Oper K&#246;ln &#252;ber Alcina\" href=\"http:\/\/www.operkoeln.com\/programm\/59839\/video\/\" target=\"_blank\">&#220;berblick &#252;ber die Inszenierung und Handlung<\/a> (Oper K&#246;ln)<\/p>\n\n\t<p>Der <span class=\"caps\">WDR<\/span> hat sich zum Thema auch ge&#228;u&#223;ert und zeigt ein wenig Einblick in die Inszenierung (praktisch f&#252;r mich, dann muss ich das nicht nochmal tun).<\/p>\n\n\t<p><a title=\"WDR zu Premiere und Inzenierung von Alcina\" href=\"http:\/\/www.wdr.de\/mediathek\/html\/regional\/2012\/06\/18\/lokalzeit-koeln-premierenreport.xml\" target=\"_blank\">Der <span class=\"caps\">WDR <\/span>&#252;ber die Inszenierung<\/a><\/p>\n\n\t<p>Nun aber, Alcina. Bevor ich drin war schrieb ich noch &#8220;mach sie fertig.&#8221; Das erschien mir plausibel. Ich hatte vom Libretto aus gedacht. Aber es w&#228;re nicht die Reihe von H&#228;ndel-Opern, die mir gerade begegnen, wenn mich nicht auch dieser wundersch&#246;ne, lange und viel zu kurze Augenblick v&#246;llig &#252;berraschen w&#252;rde. In Haltung und Vollendung der Spannung zwischen Alcina und Ruggiero kommt diese &#220;berraschung und steht mit einer Wucht im Zusammenhang mit der kargen Inszenierung. Das erreicht meinen Verstand erst einen Tag nach der Vorstellung. Langsam und auch etwas traurig.<\/p>\n\n\t<p>Wer das Video vom <span class=\"caps\">WDR<\/span> gesehen hat, wei&#223; bereits: diese Alcina hat keinen Zauberwald bekommen. Es gibt nur ein paar Tische und eine flache Projektion von Silhouetten, die einst B&#228;ume gewesen sein k&#246;nnten.<\/p>\n\n\t<p>Im Ausklang und in der Ratlosigkeit der Postmoderne, die sich ihren Atem mit eigenen Mitteln nimmt, und die sich immer noch aber ohne anhaltenden Grund vehement gegen das zutiefst verwurzelte mythische Bed&#252;rfnis des Menschen stemmt, bleibt die Analyse und das nackte Herz das einzige was als Statement einer offenen Kulturentwertung &#252;brig bleibt. So bleiben die wundervollen Stimmen einzig &#252;brig, die so tief ber&#252;hren. Allen voran Claudia Rohrbach (Alcina) und&#8212;jetzt hat&#8217;s mich halt endg&#252;ltig gekostet&#8212;<a title=\"Franziska Gottwald\" href=\"http:\/\/www.franziskagottwald.de\/\" target=\"_blank\">Franziska Gottwald<\/a> (Ruggiero). Beide Rollen interpretiert als gefangen in so tiefer Verletzung, das man schreien will, schreien, schreien.<\/p>\n\n\t<p>Die Projektion, das eigentlich Zauberhafte, bleibt hinter dem nur mehr Getr&#228;umten zur&#252;ck &#8211; auch weil so der Zauberwald nicht mehr wachsen kann. Das ist keine Not als Tugend, sondern eine d&#252;stere Tugend der Not. Und die Inszenierung bezieht mit dem Inhalt und der F&#252;hrung der Charaktere dazu auch eine klare Position. Aber auch nur auf diese Weise kann ich als Zuschauer sp&#228;ter einen Wert reflektieren, der mir selbstverst&#228;ndlich erscheint, der aber gar nicht so selbstverst&#228;ndlich zu sein scheint.<\/p>\n\n\t<p>Und so wurde mir erst sp&#228;t klar, warum dieser Ruggiero am Ende gar nicht um seiner Entscheidung Willen erhoben werden kann. Warum er nicht, wie ich erst annahm, halb im Gl&#252;ck und halb in Sehnsucht gefangen werden muss. Nichts in ihm kann den Verlust der M&#246;glichkeit (des an sich M&#246;glichen) ausgleichen, weil die Erinnerung nicht mehr als eine Projektion ist. Keine Macht ist so innovativ und so voller Inspiration, wie die M&#246;glichkeit. Das ist nicht nur neurologisch eine Gewissheit.<\/p>\n\n\t<p>Diese Projektion aber ist leer, so wie die sichtbare Haltung zur Oper, die zwar verzaubern soll aber nicht kosten darf. Sie muss von einer Erinnerung leben, die es aus sich selbst heraus allm&#228;hlich nicht mehr gibt. Von der man nehmen darf aber der man nichts geben muss. Aber so geht das nicht. Alcinas Zauber besteht nunmal aus dem Opfer ihrer Liebenden. Ohne die Verehrung und die Hingabe, entsteht der ganze Wald nicht&#8212;und auch die G&#246;tter h&#246;ren nicht mehr zu. Besonders ihr nicht: Sie muss in ihrem Wesen versagen, weil man ihr das Wesentliche versagt.<\/p>\n\n\t<p>Ausgerechnet in dieser tief in die Inszenierung verwurzelten Verzweiflung des Verlusts von unendlich kostbaren Sch&#228;tzen der Kultur steht die Oper in einer Aktualit&#228;t wieder auf. Die Beispiele der neuen H&#228;ndel-Auff&#252;hrungen in Basel, Freiburg und K&#246;ln stehen daf&#252;r Pate. In K&#246;ln nun aber ohne jedoch eine Antwort zu geben, die es auf sehr verschiedene Weise in Freiburg und Basel gab. Ohne eine L&#246;sung erschaffen. Aber mit einem tief verletzten Gef&#252;hl, dass diese Sch&#228;tze erhalten werden m&#252;ssen&#8212;und zwar nicht aus einer Nostalgie, sondern damit sie sich im Bezug zur Zeit ver&#228;ndern k&#246;nnen. Damit sie gestaltet werden k&#246;nnen.<\/p>\n\n\t<p>Faszinierenderweise spielt Alcina im Palladium. Keine hundert Meter entfernt von den Produktionsst&#228;tten der Schwarm-Dummheit (Danke, Inka, f&#252;r diesen wundervollen Begriff), einer inzwischen vollkommen inhaltsentleerten Fernsehwelt, die keinerlei Opfer fordert, sieht man mal von den grauenvoll einfallslosen Werbespots ab, die aber auch keinerlei Substanz bietet, sich gar die Abwesenheit der Substanz zum wirtschaftlichen Subtrat erhebt.<\/p>\n\n\t<p>Man will die Alcina nicht gehen lassen, trotz ihrer Grausamkeit. Nicht um ihretwillen (soll sie doch von mir aus zu den sieben H&#246;llen fahren), sondern um unseretwillen. Denn, wenn sie gegangen ist und selbst nur noch Form ist, bleibt nicht mehr, was niemals da war: Danke H&#228;ndel, auch f&#252;r diesen musikalischen Meisterwurf, der sich am Ende verengt und verdichtet. Wie hattest Du, alter Meister, das blo&#223; ahnen k&#246;nnen?<\/p>\n\n\t<p>Niemand kann es sich leisten, solche Sch&#228;tze herzugeben. Nicht Ruggiero und schon gar nicht eine Weltstadt. Wenn ihr also Gr&#246;&#223;e wollt, dann m&#252;sst ihr sie auch hergeben. Damit sie Teil der Welt bleibe. Und das ist keineswegs allein eine Frage der Abendkasse. Wer Banken retten kann, der muss auch das Wesen der Identit&#228;t bewahren und ihr darin liegend den Wandel wieder einr&#228;umen&#8212;und wehe dem, der statt dessen vom Werteverfall quasselt. Der Abgrund der Alternative dazu ist zu gro&#223;. Kultur zu finanzieren ist keine Subvention eines marode wirtschaftenden Betriebs. Es ist vielmehr die Achtung vor einem Wert, der sich der Wirtschaftlichkeit entziehen muss um wirklich gro&#223; zu sein.<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\t<p>Um es auch diesmal wieder vorweg zu nehmen: Die Alcina in K&#246;ln ist ganz besonders sehenswert. 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