{"id":1990,"date":"2013-06-01T11:20:02","date_gmt":"2013-06-01T09:20:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/?p=1990"},"modified":"2013-06-01T11:24:46","modified_gmt":"2013-06-01T09:24:46","slug":"1990","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/archive\/1990","title":{"rendered":"Schweizer Roadtrip: Ernst, Bach, Gottwald"},"content":{"rendered":"\t<p>Nun denn, hier also der Begeisterungssturm zum gestrigen Tage. Viel Raum f&#252;r Dialektik bleibt da nicht. Ich hoffe also hier nicht nach den Ma&#223;st&#228;ben einer k&#252;hlen Er&#246;rterung beurteilt zu werden. Zun&#228;chst sei die Fahrt selbst erw&#228;hnt. Ein Roadtrip erster G&#252;te mit Steffi und DanDan. Bald alte, bald neue Musik im Ohr auf Riehen (bei Basel) losgeflogen.<\/p>\n\n\t<p>Die Welt von Max Ernst und die darin liegenden, wundervollen Abgr&#252;nde erkundet. Eine beachtliche Sammlung hat die<a href=\"http:\/\/www.fondationbeyeler.ch\/\" target=\"_blank\"> Fondation Beyele<\/a>r hier zusammen gerufen. Viele Exponate aus privater Hand, eine Ausstellung, die man also weder so noch &#252;berhaupt unbedingt alle Tage zu sehen bekommt. &#8220;Die Menschen sollen nichts davon wissen&#8221;. Allein da k&#246;nnte ich den ganzen Tag davor verbringen, ganz zu schweigen von der &#8220;ganzen Stadt&#8221;. Der Blick in der N&#228;he vereint Zivilisationserkl&#228;rung und -kritik. Die Schlachten kurz unter den stillen Kr&#246;nungen, alles getragen von einem Wunsch, mitten in die Erde gebettet zu sein&#8212;und dr&#228;ngt dabei wie Schichten von Waldboden nach oben&#8212;das Waldthema ist ohnehin auch sehr ausf&#252;hrlich beleuchtet worden. Nicht einmal die Drachen fehlen. Da l&#228;sst sich viel verbinden, was vorher nur lose im Kopf herum lag. Aber dies alles nur exemplarisch.<\/p>\n\n\t<p>Nach einem Kaffe in einem recht urig-witzigen riehener Caf&#233;: auf nach Z&#252;rich. In einer ganz lebendingen Vorfreude. Zu Z&#252;rich selbst diesmal nur soviel: Dass DanDan den Stadtverkehr nervlich &#252;berlebt hat, grenzt an ein Wunder und macht ihn auf dieser Fahrt ganz eindeutig zum Helden der Geschichte (Helden gehen bekanntlich &#8220;in die Geschichte ein&#8221;, hab ich mir mal unfreiwillig anh&#246;ren m&#252;ssen).<\/p>\n\n\t<p>Im Publikum selbst lernen wir eine sehr charmanten und uns in Sachen Begeisterung f&#252;r den Abend kaum nachstehenden holl&#228;ndischen Verm&#246;gensverwalter kennen. Ein Bankier der zur&#252;ckhaltend-gebildeten Bauart, von denen am Stammtisch immer behauptet wird, es g&#228;be sie gar nicht mehr. Wir haben viel gelacht und ihn auf Anhieb sehr gemocht. Die <a href=\"http:\/\/www.tonhalle-orchester.ch\/\" target=\"_blank\">Tonhalle<\/a> ist auf jedenfall einer der sch&#246;nen Auff&#252;hrungsorte, zwar sehr beladen aber damit auch ganz klar erhaben. &#220;ber allem lassen die Schweizer hier Mozart, Haydn, Schumann und Beethoven wachen, eine halb wilde und halb gesittete Mischung, wie ich meinen will.<\/p>\n\n\t<p>Im Programm treffen wir auf ein Bachprogramm. Und auf eine Neuigkeit von vorn herein. Das Chorst&#252;ck &#8220;Cantos Sagrados&#8221; von<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/James_MacMillan\" target=\"_blank\"> James MacMillen<\/a> war gro&#223;artig interpretiert von der Z&#252;rcher Sing-Akademie und auch sehr feinf&#252;hlig geleitet. Das St&#252;ck selbst war zwar sehr behutsam konstruiert, ohne allzu viel Effektsequenziererei und lie&#223; auch auf Anhieb eine ganze Reihe von sehr interessanten komplexen zeichen erkennen. Dennoch war es mir etwas zu leer, etwas zu frei von Tiefe, was dann auch die wirklich gro&#223;artige Interpretation nicht mehr g&#228;nzlich auszugleichen vermochte.<\/p>\n\n\t<p>Die Sinfonia aus <span class=\"caps\">BWV 209<\/span> kommt noch etwas sperrig daher, was bei Ton Koopman eigentlich verwundert. Wenngleich die wundervolle Sabine Poy&#233; Morel mit der Holzfl&#246;te keine Bewegung, keinen kleinen Impuls scheut, Herrn Koopman (Dirigent) einen Tick inspirierter bei der Hand zu nehmen&#8212;es h&#228;tte ihm (und der Musik sowieso) gut bekommen, wenn er sich auf dieses nur eine kleine Nuance zu zaghaft implementierte &#8220;unmoralische Angebot&#8221; etwas mehr eingelassen h&#228;tte.<\/p>\n\n\t<p>Die Kreuzstabkantate zeigt ohnehin Leid und Leuterung auf eine sehr pers&#246;nliche Weise, exemplarisch. Die in die Musik im Grunde bereits vorgezeichnete Leichtigkeit (&#8220;Da leg ich den Kummer auf einmal ins Grab&#8221;) wurde von einer leichten Interpretation getragen. Klaus Mertens und Ton Koopman routiniert Hand in Hand. So rauscht uns &#8220;Komm, oh Tod, du Schlafes Bruder&#8221; auch nicht romantisch um (eines der wenigen barocken St&#252;cke, wo man das glaub ich trotzdem einfach des Affekts halber irgendwie d&#252;rfen sollen d&#252;rfte, weil&#8217;s soviel Spa&#223; macht, auch wenn&#8217;s historisch nicht ganz korrekt ist). Die ganze Kantate und damit auch ihr Schluss kommen leicht daher, wie ein bereits vollzogener Abschied. Was durchaus mehr als passt. Aber Hubert von Goiserns mystisch-romantische Orgelraserei kann darin dann nat&#252;rlich keinen Platz finden.<\/p>\n\n\t<p>Pause. Guter Wein (wir sind ja in der Schweiz). Dann Grinsen: Die Kantate &#8220;Auf, schmetternde T&#246;ne der muntern Trompeten&#8221; wird von einem Spielmannszug er&#246;ffnet, die Bl&#228;ser marschieren ein, die S&#228;nger im Schlepptau. Die Kantate ist ja fr&#246;hlich, f&#252;rwahr. So ist sie geschrieben. Bach kriecht praktisch dem August von Sachsen bis zum Anschlag&#8230; Und genau da wird sie auch ein wenig traurig, nie offen, aber auf der Metaebene. Sie kommentiert im Pomp, was die Musik, deren Erf&#252;llung in Reinform man ja Bach bisweilen nachsagt, auch so alles macht um sich selbst ein Momentum sein zu d&#252;rfen. Impulserhaltung, &#220;berlebenserhaltung. Und das alles trifft uns nicht wegen eines inszenierten Bruchs. Da jubeln die Musiker so frei &#252;ber den K&#246;nig von Sachsen, dass sich nur im Kopf die Frage einschleicht: &#8220;warum tun die das?&#8221; Nat&#252;rlich, weil&#8217;s da so steht. Dennoch: g&#228;be ja auch noch andere Bach-Kantaten. Und dieser Bruch gelingt, ganz ohne allzu massiven V-Effekt, dennoch sp&#252;rbar, nie im Vorwurf, nur ganz subtil. Ein bereichernder, &#252;ber den Abend hinausweisender Denkansto&#223;. Ich liebe sowas.<\/p>\n\n\t<p>Dass wir dann auch noch <a href=\"http:\/\/www.franziskagottwald.de\" target=\"_blank\">Franziska<\/a> erleben durften, war nat&#252;rlich die Kr&#246;nung und gleichzeitig der urspr&#252;ngliche Impuls zu kommen. Es ist einfach unglaublich, wie ein Mensch in so unmittelbarer Bewegung in so vielf&#228;ltigen Anl&#228;ssen und mit einer solch scheinbaren (!) menschlichen Leichtigkeit, einen nachhaltig und wieder kehrend so tief ber&#252;hren kann. Auf eine Art etwas hervorzubringen, das auf jeden Fall &#252;ber das allt&#228;glich Erlebbare hinausweist, so dass es gelingt Musik im Eigentlichen erscheinen zu lassen. Immer wieder. Und immer wieder unwahrscheinlich sch&#246;n. Eine Objektivit&#228;t wird mir hierbei und aus genannten Gr&#252;nden nicht mehr hervor gehen.<\/p>\n\n\t<p>Was f&#252;r ein Tag!<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\t<p>Nun denn, hier also der Begeisterungssturm zum gestrigen Tage. 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