{"id":222,"date":"2007-02-24T11:42:05","date_gmt":"2007-02-24T09:42:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/?p=222"},"modified":"2007-02-24T11:42:05","modified_gmt":"2007-02-24T09:42:05","slug":"das-archiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/archive\/222","title":{"rendered":"Das Archiv"},"content":{"rendered":"\t<p>Der Gro&#223;goldige legte eine Pause ein. Es war kein leichter Job. Immer hin und her zwischen Beschw&#246;rungsformeln und Unverwundbarkeitstr&#228;nken, zwischen historischem M&#252;ll und leeren Phrasen. Vollkommen &#252;berfl&#252;ssig, wie er fand, denn die &#214;ffnung der dreizehn Logen und deren Einzug in die Politik vor vielen hunderten von Jahren hatte die R&#252;stungsindustrie zerschlagen und damit den Nutzen von gr&#246;&#223;eren Formen des Krieges &#252;berfl&#252;ssig gemacht. Aber man konnte ja nicht wissen. Schlie&#223;lich waren es ja immer noch alles Menschen.<\/p>\n\n\t<p>Der Pavillon hatte vor drei Wochen eine f&#252;nfb&#228;ndige Vorschrift herausgegeben, die eine einheitliche Archivierung von Barax-7 und Barax-11 Dokumenten vorschrieb. Dies waren im wesentlichen Dokumente einer alten Naturreligion, welche den interessanten Namen &#8220;Wissenschaft&#8221; tr&#228;gt und ein paar unbedeutende historische Aufzeichnungen. <!--more-->Der Gro&#223;goldige wu&#223;te, da&#223; es bis zu dem Tag noch Gruppierungen gab, die versuchten, die alten Ideale dieser Religion aufrecht zu erhalten. Leider konnte er nicht mehr weiter st&#246;bern, denn er wollte Feierabend machen &#8211; und f&#252;r ihn hie&#223; Feierabend den Rest der Zeit mit seinen beiden Lustsklavinnen zu teilen, die ihm der Pavillon in seiner Position als Gro&#223;goldiger zugesprochen hatte. In seinem Amt, das als Relikt einer gro&#223;en Zeit galt, hatte er einige Privilegien &#8211; auch wenn er heute nur noch im Archiv arbeiten durfte. Aber es war ja nicht irgendein Archiv. Viele Menschen h&#228;tten sich sicher nicht sehnlicher gew&#252;nscht, als hier zu arbeiten. Die ganze Zeit in Zeiten voller Vergangenheit zu verbringen! Hier im Renowai 13 Archiv.<\/p>\n\n\t<p>Er empfand es als sehr befriedigend, auf alte Kulturen zur&#252;ck oder auch hinabzublicken um zu sehen, wie sehr man doch in der Zwischenzeit gewachsen war. &#8220;Mit meinem Wissen, w&#228;re ich bestimmt ein Herrscher geworden&#8221;, dachte sich der Gro&#223;goldige und klappte das Buch endg&#252;ltig zu. Er hatte etwas gelesen &#252;ber gro&#223;e Rituale der &#8220;Wissenschaftler&#8221; &#8211; so bezeichneten sich die Gefolgsleute dieser zutiefst esoterischen Religion. So erachteten sie es als wichtig, viele kleine Zahlen untereinander zu schreiben, dann mit primitiven Verfahren etwas auszurechnen, um dann einem Ergebnis zu kommen, das sie sich vorher schon ausgedacht hatten. Zu einem fast hellseherischen Ergebnis. Interessant daran war vor allem, da&#223; auch schon die Wissenschaftler &#252;ber eine primitive Art der Numerologie verf&#252;gten. Die Rechnungen, die sie erstellten, ergaben in den meisten F&#228;llen &#252;berhaupt keinen Sinn, das w&#252;rde heutzutage jeder Sch&#252;ler sehen. Dennoch wurde detailgenau beschrieben, wie bei diesen Ritualen vorgegangen wurde. Zusammengetragen wurde alles auf wertvollen Schriftrollen, die aus einer Art Holzqualit&#228;t gegossen wurden. Nun ja, heute w&#252;rde man Holz nicht mehr gie&#223;en, man denke nur an die gef&#228;hrdete Aura der Pflanzen, wenn sie nach Ihrem Tod gegossen w&#252;rden, was gar nicht ihrem Naturell entspricht. Damals aber hat man zweifelsohne solche Dinge getan.<\/p>\n\n\t<p>Als der Gro&#223;goldige am Abend nach Hause ging, da wollte sich ihm die Kurzweil mit seinen willigen Sklavinnen nicht einstellen. Immer wieder dachte er an die alte und seltsame Religion und &#252;berlegte sich, wie es wohl gewesen sein mochte, ein Wissenschaftler zu sein. Er beschlo&#223; sehr bald, zur&#252;ck ins Archiv zu gehen, sehr zum Bedauern seiner beiden ewigen Begleiterinnen, die sich nur f&#252;r ihn ein Abendprogramm zurechtgelegt hatten. Er las mehr und fand heraus, da&#223; es viele verschiedene Sekten gab, die von Zeit zu Zeit &#252;ber ihre Rituale stritten. Manche meinten, sie k&#246;nnten zur Wahrheit gelangen, in dem sie einfach nur dauernd Kaffeekr&#228;nzchen abhielten, andere wiederum verfolgten jene numerologischen Betr&#252;gereien, &#252;ber die der Gro&#223;goldige bereits gelesen hatte. Er erfuhr dar&#252;ber, wie wichtig es war, da&#223; eine &#220;berzeugung richtig war und eine andere falsch und da&#223; man dar&#252;ber innerhalb der Sekten immer Loyalit&#228;t zu wahren pflegte. Es gab eine Ansammlung von Patriarchen, die sie dezentral organisiert hatten. Sie waren eine einfache und nicht magische Variante eines Questoren, also eines den Priestern und Hohepriesterinnen unterstellten Ratgebers. Diese Vorform der Questoren f&#252;hrte die Wissenschaft an. Sie galten in ihrer jeweiligen Sekte als unfehlbar, mu&#223;ten aber achtgeben, weil sie das Hauptziel der Attacken anderer Sekten waren. Auf das tiefste beeindruckend war, da&#223; trotz der hohen Machtstellung der Questoren, die Politik von der Religion getrennt gehalten wurde.<\/p>\n\n\t<p>Der Gro&#223;goldige hielt ein wenig inne. Er dachte an die Verschwendung menschlicher Ressourcen, wenn man nur entweder Magie betreiben oder aber regieren durfte. Kaum vorstellbar. Die Wissenschaft brachte ihre J&#252;nger sogar dazu, ihr primitives Prinzip der Numerologie darauf auszudehnen, wer sie alle regieren sollte. Bei einem gro&#223;en und mystischen Ritual, genannt &#8220;die Wahl&#8221;, wurden nach unterschiedlichen Vorgehensweisen Menschen ernannt, die fortan regieren sollten. Ohne dass sie das in irgendeiner Weise gelernt h&#228;tten oder durch einen Priester darauf vorbereitet wurden. Dieses Vorgehen wurde dann letztlich als der finale Grund bekannt, warum diese einst so gro&#223; gewachsene Kultur untergehen mu&#223;te. Von unf&#228;higen Menschen regiert, st&#252;rzten sich die Wissenschaftler in die Klinge, die sie selbst geschmiedet hatten.<\/p>\n\n\t<p>Voller Spannung blickte der Gro&#223;goldige auf. Er hatte ja nicht im Traum daran gedacht, wie spannend diese Zeit war. Inzwischen war es sehr sp&#228;t und es begannen die Chuarama-Stunden. In diesen Stunden war es den Priestern und Hohepriesterinnen vorbehalten, die Au&#223;enwelt zu durchwandern. Er w&#252;rde hier also noch einige Zeit festsitzen. Er sah sich noch eine Schrift weit vor dem Untergang der Wissenschaft an. Zuvor hatte n&#228;mlich die Wissenschaft nahezu alle anderen Religionen aus ihrem Wirkungskreis verbannt. Im Gegensatz zu diesen vielz&#228;hligen Religionen, die mit Gottbildern und anderen maximal ikonischen Darstellungen arbeiteten, hatte es sich die Wissenschaft zum Ziel gemacht, alle anderen Religionen als Irrglaube auszuweisen.<br \/>\nLetztlich obsiegten die Wissenschaftler durch geschicktes &#220;berreden und durch eine bemerkenswerte Rhetorik und wurden die einzige ernst genommene und ernst zu nehmende Religion ihrer Zeit. Doch es war auch dieses Verhalten der Wissenschaft, das fast zur Ausrottung der ganzen Menschheit in den Geisterkriegen f&#252;hrte &#8211; ein tragisches Ende f&#252;r eine so hoffnungsvolle und junge Kultur.<\/p>\n\n\t<p>Die Chuarama-Stunden waren nun fast vorbei und der Gro&#223;goldige &#252;berlegte sich, ob es nicht doch besser w&#228;re nun in seine privaten R&#228;ume zu wechseln. Als er wieder hinaus durfte, folgte er seinem eigenen Rat und schlief noch ein paar Stunden. Er deaktivierte seine Sklavinnen. Aus nostalgischen Gr&#252;nden tat er das immer nachts. Er wollte in Ruhe schlafen, ohne dauernd von Androiden bel&#228;stigt zu werden, auch wenn sie bildsch&#246;n waren und die besten Modelle, die man bekommen konnte. Sie murrten immer ein wenig, aber der Gro&#223;goldige erz&#228;hlte Ihnen eine Legende von der Wissenschaft und da&#223; Androiden damals noch ohne Magie funktionierten. So f&#252;gten sie sich ihm. Was sollten sie auch anderes tun &#8211; schlie&#223;lich waren sie ja als Sklavinnen konzipiert worden. Nach einem langen Tag und einer halben Nacht voll spannender Lekt&#252;re fiel der Gro&#223;goldige in einen sanften Schlummer. Dieser wurde alsbald vom zu wirken beginnenden Schlafzauber, den er immer selbst ausprach, in einen tiefen und festen Schlaf verwandelt. Um nichts in der Welt w&#252;rde er diese Zeit gegen eine andere eintauschen &#8211; auch dann nicht, wenn sie so spannend ist, wie die der &#196;ra der Wissenschaft.<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\t<p>Der Gro&#223;goldige legte eine Pause ein. Es war kein leichter Job. Immer hin und her zwischen Beschw&#246;rungsformeln und Unverwundbarkeitstr&#228;nken, zwischen historischem M&#252;ll und leeren Phrasen. 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