{"id":45,"date":"2006-06-09T14:39:37","date_gmt":"2006-06-09T12:39:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/?p=45"},"modified":"2006-07-16T14:15:22","modified_gmt":"2006-07-16T12:15:22","slug":"akte-der-verzweiflung-verdis-nabucco-als-open-air-inszenierung-in-basel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/archive\/45","title":{"rendered":"Akte der Verzweiflung: Verdis Nabucco als Open Air Inszenierung in Basel"},"content":{"rendered":"\t<p>Gem&#252;ter aller Altersgruppen huschen aufgeregt durch die R&#228;nge des St. Jakob Stadions. &#196;ltere Menschen sind sich unsicher, gehen z.B. in voller Abendgardarobe ins Stadion, j&#252;ngere Menschen haben&#8217;s leichter genommen. Alle sichtlich bem&#252;ht, herauszufinden, wo nun genau dieses Spektakel zwischen den hier sonst &#252;blichen Fanges&#228;ngen und einer ernst zu nehmenden Inszenierung einzuordnen sei. Das Auge ersp&#228;ht vage M&#228;chtiges auf einem Rasen, der sonst im Sinne des Mottos steht: &#8220;Das Runde muss in das Eckige&#8221;. Heute soll hier das Runde zum Eckigen werden, eine Open Air Auff&#252;hrung einer Oper, musicalkompatibel im Vorfeld aufwendig vermarktet. Quadratur des Kreises? Karten sind sehr teuer. Die Pl&#228;tze sind zu dreiviertel belegt.<!--more--><\/p>\n\n\t<p>Zwischen 20.00 Uhr und 23.20 spielt sich eine Trag&#246;die auf zweierlei Ebenen ab. Die eine, gewollte, ernst gemeinte, konfliktreiche von Verdi so italienisch plastisch in Klang verwandelt. Die andere ist eine Trag&#246;die des Hier und Jetzt. Von &#252;ber 1000 Mitwirkenden wei&#223; die Eintrittskarte zu berichten. Rahmendaten, die eine eigene Sprache sprechen sollen. Hier geht es um Superlative. &#8220;Willkommen zur Weltpremiere von Verdis Oper Nabucco&#8221; spricht die bassig-sonore Stimme aus dem Nirgendwo, genauer: aus den Lautsprechern, die dem Zuschauer direkt vor die Nase gestellt sind. Gemeint ist zwar &#8220;Weltpremiere einer Inszenierung im Stadion&#8221;, klingt aber vermutlich nicht so gut. Einem auch sonst geneigten Opernbesucher wird sofort auffallen, dass das Orchester, wenngleich auf ein Podest erhoben, dennoch mit dem R&#252;cken zum Publikum spielt. Das hat vielleicht tontechnische Gr&#252;nde, mutma&#223;t meine Nachbarin wohlwollend, w&#228;hrend sie noch mit sich ringt, Verst&#228;ndnis zu zeigen. Viel eher ist der Grund, der ja auch sonst zum bekannten &#8220;Orchestergraben&#8221; f&#252;hrt, dass der Dirigent sowohl Geschehen als auch seine lieben Musikerinnen und Musiker im Blickfeld haben muss. Die R&#252;cken des Orchesters sind indes nicht die einzigen, die man w&#228;hrend der Vorstellung zu sehen bekommt. Dem Team um Produzent Peter Kroone von Companions Opera Amsterdam gelingt es geschickt, die meisten zaghaften Ans&#228;tze einer szenischen Inszenierung durch ein massives Aufgebot an R&#252;cken zu verdecken: An die 400 (ehrenamtliche) Statisten sollen helfen, den Raum zu f&#252;llen, den das Stadion f&#252;r Brot und Spiele bereit h&#228;lt. Die aufwendigen Kost&#252;me sieht man erst am Ende von vorne. W&#228;hrend die Choreographie der Hundertschaften noch im ersten Akt leise Anzeichen von Handlungsbezug aufweist, verlieren sie im zweiten und dritten Akt vollst&#228;ndig an Koordination, stehen meist im Kreis um die Handlung herum. Nun ist es nat&#252;rlich wahr, dass man als Normalsterblicher dem Olymp der gro&#223;en Helden ebenso weit entfernt ist, wie es die lebenden, k&#228;mpfenden und sterbenden Heerscharen der Statisten und Komparsen sind (so konnte man das gestern in Basel erleben)&#8212;jedoch sollen uns die gro&#223;en Handlungen doch zu uns selbst f&#252;hren, in Auseinandersetzung mit den Helden. Und gerade hier tritt ein erstaunlich ungewollter Kontrapunkt der &#8220;einzigartigen Stadion-Inszenierung der Superlative&#8221; (so empfindet man dies auf der offiziellen Webseite) in das Erleben. Leider, ja, leider wollen die Helden in ihrer physischen Beschaffenheit nicht mit der Kulisse wachsen, so dass der Kern der Handlung visuell noch kleiner wird, als dies in den gro&#223;en Opernh&#228;usern ohnehin schon &#252;blich ist. Durch die Gr&#246;&#223;e des Kontextes wird das Eigentliche des Werks so klein, dass es vor dem Auge des Betrachters in einen Fingerhut passt. Dass es allen voran Rosa d&#8217;Imperio (als Abigaille) und Jacek Strauch (als Nabucco) dennoch gelingt, gegen all diese Umst&#228;nde eine beachtliche B&#252;hnenpr&#228;senz zu zeigen, ist nur den S&#228;ngern allein zu verdanken. Deren Talente werden in diesem Zusammenhang derart verschwendet, dass man ihnen noch w&#228;hrend der Auff&#252;hrung w&#252;nscht, es m&#246;ge wenigstens die Gage entsprechend hoch ausfallen.<\/p>\n\n\t<p>Zwischen den Akten k&#252;ndeten jeweils aus der Perspektive der Protagonisten zuvor aufgenommene Texte von im weiteren Lauf verborgenen oder versteckten Handlung. Eine gute und &#252;berdies sch&#246;n umgesetzte Idee vor allem f&#252;r all&#8217; jene, die sich nicht im Vorfeld mit dem Inhalt auseinandersetzen konnten, f&#252;r die die Oper vielleicht neu war. Interessanterweise waren es gerade diese Einf&#252;hrungen aus Handlungsperspektive, die wahrnehmbare Spannungsb&#246;gen hervorbringen konnten.<\/p>\n\n\t<p>Die Baden-Baden Philharmonie sind ja nun im Raum keine Unbekannten, so oder so. M&#246;glicherweise zeichnen sie unter dem Plastikdach des Podests k&#252;nstlerische Nuancen, die der Nachwelt auf immer verborgen bleiben. Wir werden es nur nie erfahren. Nicht, dass jetzt ein falscher Eindruck entsteht: Die Technik hat fast das Maximum des M&#246;glichen aus der Lage herausgeholt. So gut wird man selten Opernmusik in einem Stadion h&#246;ren (es sei denn man setzt sich nun einen K&#246;pfh&#246;rer auf). Vielleicht w&#228;re eine klassisch gegen&#252;bergestellte Aufstellung zwischen Musikgeschehen und Publikum besser gewesen, jedenfalls h&#228;tte das die unterschiedlichen Schalllaufzeiten der Lautsprecher minimiert, wodurch man so manch&#8217; fein gestrichene Achtel des &#214;fteren dreimal in Folge h&#246;rte. Es sei ihnen auch verziehen, dass sich im zweiten Akt ausgerechnet Jacek Strauchs Stimme gegen einen &#252;blen Wackelkontakt wehren musste&#8212;f&#252;r wenige Sekunden h&#246;rte man ihn zum Ausgleich daf&#252;r sogar tats&#228;chlich singen (Am &#8220;Front of the House&#8221; Pult h&#228;tte ich da allerdings nicht gerne als Verantwortlicher gestanden). Alles Weitere verliert sich hinter den Grenzen des technisch Umsetzbaren. Und das war&#8217;s auch schon zur Musik. Sie verschwindet, ebenso wie die Menschen und die Handlungsimpulse, hinter dem starren Monument einer deutlich zu gro&#223; geratenen Kulisse. Hier kann einzig die visuelle Technik punkten, die mit Pyros und zum Teil interessanten Beleuchtungsideen einige &#8220;Ahhs&#8221; und &#8220;Oohs&#8221; dem Publikum zu entlocken wei&#223;. In diesem Zusammenhang w&#228;re es h&#246;chstens noch witzig gewesen, ein besonders zu Ehren gekommener Statist h&#228;tte zu Beginn der Veranstaltung einfach einen I-Pod in eine Konsole gestellt. Es kam aber anders: Kurz bevor Nabucco ob seiner &#220;berheblichkeit vom g&#246;ttlichen Blitz getroffen wird, r&#246;chelt die Anlage der Tontechnik Samples im Kreis herum, dass man Sorgen hat, die n&#228;chsten 400 Statisten k&#228;men in Star-Wars Kost&#252;men herein und Darth Vader w&#252;rde h&#246;chstpers&#246;nlich den Blitz mit seinem Lichtschwert ausf&#252;hren. Ein Donnergrollen schlie&#223;t dieses Ereignis ab, das zum Gl&#252;ck fast ein Einzelfall bleibt. Dass die Musik an dieser Stelle daselbst h&#246;chst spannende und die Samples in ihrer Wirkung bei weitem &#252;bertreffende Affekte bedienen kann, wird dem Publikum an diesem Abend ebenfalls verborgen bleiben&#8212;die Samples sind einfach lauter als das Orchester. Die an einer Schnur herabgleitende Feuerkugel ist zwar nicht neu, aber immer wieder sch&#246;n. Daher wird sie auch gleich am Ende des dritten Aktes nochmal zur Austreibung Baals (das ist der Gott, der halt jetzt b&#246;se ist) verwendet&#8212;eine Redundanz, die leider etwas inflation&#228;r wirkt. Hier gibt&#8217;s dann noch mehr Pyrotechnik unter der Statue und viel Rauch.<\/p>\n\n\t<p>Etwas Schall und viel Rauch, so bleibt der schale Eindruck, der auch kulturell zumal bei einer derart monumental beabsichtigten Inszenierung zur&#252;ckbleibt: Verdis Oper h&#228;tte man vor inzwischen leider salonf&#228;higen Theorien (wie dem &#8220;Kampf der Kulturen&#8221;) auch im Rahmen einer Kost&#252;minszenierung neuer und kritischer interpretieren d&#252;rfen. Vielleicht wollte man das aber auch ganz bewusst nicht tun. Zur Schau gestellt wurde jedoch lieber der materielle Aufwand, der in die Produktion geflossen ist. Dazu geh&#246;ren die selbst&#228;ndig hoch und runter fahrenden S&#228;ulen (was dann aber auch nicht geklappt hat) und Licht und Pyros und vieles mehr. Dar&#252;ber m&#246;chte man auch auf der Homepage viel lieber sprechen als &#252;ber die Ideen zur Inszenierung. So sucht man dort ein etwa geneigtes Publikum &#8220;mit einer Tonanlage, welche mit 269&#8217;000 Watt den Vergleich mit anderen Openairs in Stadien nicht zu scheuen braucht&#8221; zu beeindrucken. Wenn&#8217;s doch f&#252;r ein paar Watt weniger, ein wenig mehr mentaler Aufwand gewesen w&#228;re. Es h&#228;tte sich vielleicht gelohnt!<\/p>\n\n\t<p>Am Ende gab es eine Zugabe. Das geht schon in Ordnung, auch wenn man damit lieber nicht auf den schnell abebbenden Applaus aus dem Publikum warten wollte. Im Rahmen der Produktion inzwischen durchaus erwartbar, hat man den Sklavenchor wiederholt&#8212;der ist immerhin auf so manchem Opernsampler auf einer CD enthalten, den kennen die Leute. Dass es nun Reihen im Publikum gibt, die da im 3er Takt mitschunkeln, das will ich noch hinnehmen. Dass sich die Statisten dann aber geschlossen (und offenbar f&#252;r eine solche Eventualit&#228;t entsprechend pr&#228;pariert) diesem Schunkeln anschlie&#223;en, ist schlicht furchtbar. Nicht nur vor dem Hintergrund der Handlung. Auf diese Weise endete ein kl&#228;glich gescheiterter Versuch im Sumpf eines schlecht imitierten Karneval. Die gro&#223;en W&#228;gen, die noch auf dem Feld standen, trugen da ihr &#220;briges zu diesem Eindruck bei. Das n&#228;chste Mal, liebe Veranstalter, bitte, lasst Ihr Eure Statisten dann aber noch mit &#8220;Kamelle&#8221; (BonBons) werfen, okay?<\/p>\n\n\t<p>Was nun tun? Geht Oper und atemberaubendes Spektakel etwa nicht zusammen? Doch, es geht. So bewies die wundersch&#246;ne Inszenierung von &#8220;Civil Wars&#8221; in Freiburg 2004 unter Karen Kamensek und mit dem Freiburger Philharmonischen Orchester&#8212;der Beispiele w&#228;ren sicherlich mehr zu finden.<\/p>\n\n\t<p>Erleichterung findet der gequ&#228;lte Zuschauer am Ende dann auf der offiziellen Webseite. Dort n&#228;mlich steht das gl&#252;ckverk&#252;ndende Versprechen: &#8220;Nie mehr wird das Publikum in Basel die M&#246;glichkeit haben, Verdis fantastischen Meilenstein der Opernwelt in einer derart einzigartigen Stadion-Inszenierung der Superlative vor der Haust&#252;re zu sehen.&#8221; Danke!<\/p>\n\n\t<p>Die offizielle Webseite der Nabucco Produktion:<br \/>\n<img alt=\"Link\" src=\"\/pic\/ordner.gif\" \/> <a href=\"http:\/\/www.nabuccobasel.ch\" target=\"_blank\">www.nabuccobasel.ch<\/a><\/p>\n\n\t<p>Es geht auch anders: Civil Wars in Freiburg<br \/>\n<img alt=\"Link\" src=\"\/pic\/ordner.gif\" \/> <a href=\"http:\/\/www.theater-panoptikum.de\/210.0.html\" target=\"_blank\">Theater Pan.Optikum Civil Wars<\/a><\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\t<p>Gem&#252;ter aller Altersgruppen huschen aufgeregt durch die R&#228;nge des St. Jakob Stadions. &#196;ltere Menschen sind sich unsicher, gehen z.B. in voller Abendgardarobe ins Stadion, j&#252;ngere Menschen haben&#8217;s leichter genommen. Alle sichtlich bem&#252;ht, herauszufinden, wo nun genau dieses Spektakel zwischen den hier sonst &#252;blichen Fanges&#228;ngen und einer ernst zu nehmenden Inszenierung einzuordnen sei. Das Auge ersp&#228;ht vage M&#228;chtiges auf einem Rasen, der sonst im Sinne des Mottos steht: &#8220;Das Runde muss in das Eckige&#8221;. Heute soll hier das Runde zum Eckigen werden, eine Open Air Auff&#252;hrung einer Oper, musicalkompatibel im Vorfeld aufwendig vermarktet. Quadratur des Kreises? Karten sind sehr teuer. Die Pl&#228;tze sind zu dreiviertel belegt.<\/p>\n ","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}