{"id":8,"date":"2005-09-20T14:20:08","date_gmt":"2005-09-20T12:20:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/?p=8"},"modified":"2005-09-20T14:20:58","modified_gmt":"2005-09-20T12:20:58","slug":"warum-gute-rezepte-experten-nicht-weit-bringen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/archive\/8","title":{"rendered":"Warum gute Rezepte Experten nicht weit bringen"},"content":{"rendered":"\t<p>Wir haben ein ganz klassisches Bild von Experten. Das sind Menschen, die in kritischen Situationen noch Antworten haben, die sich besser auskennen als alle anderen, die viel hilfreiches Wissen und Hintergrundinformationen haben und die das alles auch noch sinnvoll zur Anwendung bringen k&#246;nnen. Nat&#252;rlich brauchen wir Experten und wollen Menschen an unterschiedlichen Orten dazu ausbilden. Dazu m&#252;ssen wir wissen, was Experten genau k&#246;nnen. Meist wollen wir zun&#228;chst wissen, was die Experten <em>wissen<\/em>, damit wir dieses Wissen anderen Menschen anbieten k&#246;nnen. Ein guter erster Ansatz ist es, Experten bei der Arbeit, also beim Experte-Sein, zu beobachten. Dann haben wir einen ersten Eindruck, wie sie in verschiedenen Situationen vorgehen. Wenn wir eine zeitlang beobachten, finden wir typische Vorg&#228;nge, die wir beschreiben k&#246;nnen. Solch eine Vorgehensweise nennen wir &#8220;Aufgabenanalyse&#8221;. <!--more-->Dann k&#246;nnen wir nat&#252;rlich die Experten auch direkt befragen. Wir k&#246;nnen sie befragen, was sie &#252;ber bestimmte Dinge genau wissen und wie dieses Wissen organisiert ist. Dazu gibt es viele sehr ausgefeilte Instrumente. Bei uns nennt man solche Verfahren &#8220;Wissensdiagnose&#8221; (meine Dissertation befasst sich unter anderem mit der Entwicklung eines solchen Verfahrens). Wenn wir Experten ausbilden, so k&#246;nnte man denken, muss man diese beiden Beobachtungen, also typischen Aufgaben und ihre L&#246;sungen durch die Experten einerseits und deren Wissen andererseits sinnvoll zusammenbringen. Dann m&#252;ssten wir nur noch einen Ablauf erarbeiten, in dem sich Menschen gut zurechtfinden k&#246;nnen, bis sie am Ende &#252;ber beides verf&#252;gen. Das Sch&#246;ne daran ist, dass das auch funktioniert. Nur kommen hinterher eben keine Experten heraus, sondern gut informierte Anwender, die ihrerseits in vielen Bereichen gute Arbeit leisten k&#246;nnen. Viele j&#252;ngere Studierende steigen bei dieser Frage mit einem gern angebrachten Argument aus. Das besagt, dass Experten ja zu den beiden Aspekten zus&#228;tzlich &#252;ber <em>viel Erfahrung<\/em> verf&#252;gen und das eben durch nichts ausgeglichen werden k&#246;nne. Das trifft die Sache allerdings nur sehr ungef&#228;hr. Was stimmt ist, dass wir w&#228;hrend der &#8220;Aufgabenanalyse&#8221; unm&#246;glich alle denkbaren Aufgaben beobachten werden. Auch dann nicht, wenn wir sehr lange beobachten. Wir bekommen also immer nur einen Ausschnitt geeigneter F&#228;lle, die eine erfolgreiche L&#246;sung erm&#246;glichen. Wir k&#246;nnten diese F&#228;lle auch <em>Rezepte<\/em> nennen, denn so werden sie gerne notiert.  Ein Irrtum ist allerdings, dass die Experten alle Aufgaben, die sie prinzipiell l&#246;sen k&#246;nnen, auch bereits <em>schon einmal gel&#246;st haben m&#252;ssen<\/em>. Das ist nat&#252;rlich Unsinn&#8212;wie sollten sie denn die Aufgabe zum ersten Mal l&#246;sen, wenn sie die L&#246;sung nicht gezeigt bekommen, wenn&#8217;s also von Erfahrung abh&#228;ngt (und das war ja der Aufh&#228;nger)? Experten m&#252;ssen also noch &#252;ber mindestens eine weitere verborgene Fertigkeit verf&#252;gen, die wir bislang nicht beobachtet haben&#8212;vielleicht sogar &#252;ber viele solcher Fertigkeiten. &#220;ber diese Fertigkeiten ist in der Tat viel geschrieben, gestritten und diskutiert worden&#8212;sowohl von Wissenschaftlern als auch von interessierten Laien. Zusammenfassend l&#228;&#223;t sich sagen, dass Experten neue L&#246;sungen aus dem Stand finden k&#246;nnen, gerade <em>ohne<\/em> Erfahrung in einer spezifischen Aufgabe zu haben. So wird sich beispielsweise eine gute <span class=\"caps\">KFZ<\/span>-Mechanikerin auch an einem Auto, dass sie <em>nicht<\/em> kennt, die wesentlichen Konstruktionen erschlie&#223;en k&#246;nnen&#8212;auch wenn es ihr bei dieser Maschine an Kenntnissen fehlt. Sie wird vermutlich sogar in der Lage sein, einen Bootsmotor zu inspizieren, auch wenn sie noch nie zuvor einen gesehen hat. Sie hat also auf irgend eine Art gelernt, etwas zu schlussfolgern, dass sie dazu in die Lage versetzt. Das kommt aber nicht aus der Kenntnis von Rezepten oder von abrufbarem Wissen. Auch die Annahme, man k&#246;nne aus der Kenntnis von f&#252;nf Rezepten auf ein drittes automatisch (also: ganz von allein) schlie&#223;en, erweist sich als falsch. Da kommt offenbar etwas anderes ins Spiel, was f&#252;r Expertise unschlagbar wichtig ist. Es gibt verschiedene Ans&#228;tze, solche F&#228;higkeiten zu trainieren. Alle haben eins gemeinsam: Sie versetzen &#8220;Experten in ihrer Ausbildung&#8221; in Situationen, in welchen sie unm&#246;glich einfach Wissen abrufen k&#246;nnen oder ein Rezept anwenden k&#246;nnen. Sie m&#252;ssen also F&#228;higkeiten trainieren, die sie in die Lage versetzen, ausgerechnet bei <em>unbekannten Problemen<\/em> auf gute L&#246;sungen zu kommen. Gute Ausbildungen f&#252;hren so etwas in simulierten Umgebungen durch (z.B. Flug- und Kraftwerkssimulatoren, Planungsszenarien usw.). Von den Auszubildenden wird damit der Stre&#223; genommen, dass wirklich Schaden entsteht, wenn sie eine falsche Entscheidung treffen. Au&#223;erdem k&#246;nnen sie sich auch die Folgen von Fehlentscheidungen genau ansehen. Gegen Ende der Ausbildung kann man die &#8220;neuen Experten&#8221; dann behutsam unter Begleitung an echte Entscheidungsszenarien heranf&#252;hren. In jedem Fall lernen die Experten dann, sich sogar von einst erfolgreichen Rezepten zu <em>entfernen<\/em>. Solch ein Vorgehen ist von Auszubildenden in Ingenieurs- oder Naturwissenschaftlichen F&#228;chern aktzeptiert&#8212;ich habe hier ja auch derartige Beispiel gew&#228;hlt. Dass so etwas auch f&#252;r Geistes- und sozialwissenschaftliche F&#228;cher gilt, ist da weniger bekannt. Die Folgen von Fehlentscheidungen werden hier gerne als weniger schwerwiegend eingesch&#228;tzt. Dass eine Bildungsentscheidung beispielsweise die Biographie von vielen ver&#228;ndern kann, merkt man erst beim zweiten Hinschauen. Eine gut ausgebildete &#196;rztin trifft jedoch sp&#228;ter eine bessere Entscheidung&#8212;die Folgen sind hier erst nach l&#228;ngerer Zeit sichtbar. So sind auch bei uns Entscheidungstr&#228;ger, also Experten, die lediglich &#252;ber Rezepte verf&#252;gen, unzul&#228;nglich&#8212;es ist nur eine Frage der Zeit, in der sie eine Entscheidung treffen m&#252;ssen, f&#252;r die wir sie nicht vorbereiten konnten. Also trainieren wir die f&#252;r Experten so unbedingt wichtigen F&#228;higkeiten so genau wir nur k&#246;nnen. Das bedeutet auch, dass automatisch bei begrenzter Ausbildungszeit, das eine oder andere <em>Rezept<\/em> nicht in aller gebotenen Ausf&#252;hrlichkeit behandelt werden kann. Aber Rezepte lassen sich von angehenden Experten auch im Alleinstudium nachbereiten (es gibt sehr gute B&#252;cher mit sehr guten Rezepten)&#8212;die F&#228;higkeiten, die man zu <em>begr&#252;ndeten Schlussfolgerungen in neuen Situationen<\/em> braucht, sind nicht im Alleingang erlernbar. Es sei denn man kann es sich leisten, viele Fehlentscheidungen zu f&#228;llen bis man dann auf nat&#252;rlichem Weg die n&#246;tige &#8220;Erfahrung&#8221; dazu mitbringt. In diesem Sinn f&#252;hrt uns gerade die <em>berufsorientierte Ausbildung<\/em> gerne weg von den konkreten F&#228;llen&#8212;sie alle zu behandeln w&#252;rde zweifelsohne Jahrzehnte dauern, w&#228;hrend die Wahrscheinlichkeit, genau die sp&#228;ter in der konreten Situation gebrauchten F&#228;lle zu behandeln sehr gering ist. Auch dann, wenn man eine sehr gute Idee davon hat, was an Standardf&#228;llen im Allgemeinen &#252;blich ist.<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\t<p>Wir haben ein ganz klassisches Bild von Experten. Das sind Menschen, die in kritischen Situationen noch Antworten haben, die sich besser auskennen als alle anderen, die viel hilfreiches Wissen und Hintergrundinformationen haben und die das alles auch noch sinnvoll zur Anwendung bringen k&#246;nnen. Nat&#252;rlich brauchen wir Experten und wollen Menschen an unterschiedlichen Orten dazu ausbilden. Dazu m&#252;ssen wir wissen, was Experten genau k&#246;nnen. Aber ihre offensichtlichen F&#228;higkeiten und ihr Wissen zu katalogisieren, bringt uns nur zur H&#228;lfte weiter. Dieser Beitrag untersucht, was wir noch tun m&#252;ssen, um uns der Expertise zu n&#228;hern&#8212;und zu welchem Preis wir das tun.<\/p>\n ","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[8],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}