{"id":93,"date":"2006-09-06T11:26:18","date_gmt":"2006-09-06T09:26:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/?p=93"},"modified":"2006-09-06T11:26:18","modified_gmt":"2006-09-06T09:26:18","slug":"vom-web-20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schattenreigen.de\/schattenlog\/archive\/93","title":{"rendered":"Vom Web 2.0"},"content":{"rendered":"\t<p>Ein Wesentliches&#160;unterscheidet die wissenschaftliche Begriffsbildung von der des Marketing. Der wissenschaftliche Begriff zielt auf Definition, d.h. einen Begriff so pr&#228;zise wie m&#246;glich zu schaffen. Daher gibt es in der Wissenschaft auch unz&#228;hlige Begriffe, weil ein Alltagsbegriff einfach nicht alles pr&#228;zise zusammenfassen kann. Im Marketing zielt die Begriffsfindung auf Assoziation. Mit einem Begriff sollen m&#246;glichst viele unterschiedliche Dinge assoziiert werden. Das ist dann insofern praktisch, weil&#8217;s die Wahrscheinlichkeit erh&#246;ht, dass viele Leute dem Begriff zustimmen.<!--more--><\/p>\n\n\t<p>Ein Beispiel: Sagen wir mal so etwas, wie:&#160;&#8221;wir m&#252;ssen&#160;unsere Werte erhalten&#8221;. Genauer zu untersuchen w&#228;re hier der Begriff &#8220;Werte&#8221;. Dem Satz stimmen sicherlich viele (nicht alle) Menschen zu. Weil sie unter dem Begriff &#8220;Werte&#8221; alle etwas Unterschiedliches verstehen&#8212;und zudem etwas, was ihnen wichtig ist. Welche Inhalte der Begriff konkret hat, ist dabei egal. Es sollen ja viele Menschen zustimmen. Andererseits&#160;ist die Aussagekraft im Hinblick auf Handlungsm&#246;glichkeiten praktisch nicht mehr vorhanden. Wenn jeder unter dem Begriff etwas anderes versteht, dann gibt es auch keinen echten Konsens, was darauf zu tun w&#228;re. Der Begriff ist f&#252;r sich genommen leer und funktioniert gerade aus diesem Grund.<\/p>\n\n\t<p>Auf geradezu groteske Weise wurde so ab 2004 der Begriff <em>Web 2.0<\/em>. Viel zu leicht k&#246;nnte man sich vorstellen, jemand habe nun ein neues Internet mit neuer Funktionalit&#228;t gestaltet. Das ist jedoch nicht der Fall. Es gibt neue Anwendungen und neues Nutzungsverhalten.&#160;Das war&#8217;s auch schon.<\/p>\n\n\t<p>Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie besitzen seit einigen Jahren einen Herd mit Ofen (fast jeder besitzt ja ein solches Schmuckst&#252;ck). Nun stellen Sie sich vor, sie haben diesen Ofen ab und zu verwendet. Zum Brotbacken, Auflauf machen, ein paar Auberginen &#252;berbacken etc. Eines Tages finden Sie im Laden ein Kochbuch, das Ihnen spontan zusagt: Klare Beschreibungen, jeweils genannte Alternativen, sch&#246;ne Bilder, spannende Einleitungen. Es geht um Gratins, jene leckeren in Formen angefertigten K&#246;stlichenkeiten f&#252;r 2 bis mehr Personen. Sie verwenden Ihren Backofen ob der Begeisterung (Ihrer eigenen und der Ihrer Freunde und\/oder Liebsten) nun h&#228;ufiger. Wir halten also fest: Ihr Nutzungsverhalten hat sich ge&#228;ndert und sie haben eine neue Anwendung entdeckt. K&#228;me es Ihnen komisch vor, wenn ein Marketing-Fuzzy kommt und Ihnen erkl&#228;rt, Sie bes&#228;&#223;en nun einen &#8220;Ofen 2.0&#8221;? Ja?<\/p>\n\n\t<p>Versionsbezeichnungen zielen auf technische Innovationen, zumeist innerhalb der kontinuierlichen Entwicklung von Software. Es kann also einen &#8220;Browser 2.0&#8221; geben, oder einen &#8220;Chatapplikation 2.0&#8221;, auch kann es eine &#8220;Videokonferenzsoftware 2.0&#8221; geben. Theoretisch ist es auch denkbar, dass es dereinst ein &#8220;Internet 1.5&#8221; geben k&#246;nnte, wenn sich die Basisprotokolle merklich &#228;ndern&#8212;und &#228;ltere Versionen, Clients usw. dann nicht mehr funktionieren. Dann aber spielt die Entwicklung auf die Technik des Internets an und nicht an deren Nutzungsverhalten.<\/p>\n\n\t<p>Stellen Sie sich vor, der Anbieter Ihrer Bildbearbeitungssoftware bietet Ihnen ein Versionsupdate (z.B. auf die Version 4.6) an, wobei sich die Software in nichts von der vergangenen Version unterscheidet&#8212;allein Ihre Bilder haben sich ge&#228;ndert&#8230; sagen wir mal, Sie fotografieren jetzt doch lieber H&#228;user als Menschen&#8230; w&#252;rden Sie das kaufen? Genau das erwarten das Marketing vom Markt: &#8220;Kaufen Sie eine Software, die sich nicht ge&#228;ndert hat, die aber anders genutzt wird.&#8221; Wird das tats&#228;chlich&#160;entegegen aller Erfahrungen aus der Vergangen schon wieder zum&#160;Hype, dann platzt die Blase erneut&#8212;nur diesmal eben bedeutend schneller.<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\t<p>Ein Wesentliches unterscheidet die wissenschaftliche Begriffsbildung von der des Marketing. Der wissenschaftliche Begriff zielt auf Definition, d.h. einen Begriff so pr&#228;zise wie m&#246;glich zu schaffen. Daher gibt es in der Wissenschaft auch unz&#228;hlige Begriffe, weil ein Alltagsbegriff einfach nicht alles pr&#228;zise zusammenfassen kann. Im Marketing zielt die Begriffsfindung auf Assoziation. Mit einem Begriff sollen m&#246;glichst viele unterschiedliche Dinge assoziiert werden. Das ist dann insofern praktisch, weil&#8217;s die Wahrscheinlichkeit erh&#246;ht, dass viele Leute dem Begriff zustimmen. Auf geradezu groteske Weise wurde so ab 2004 der Begriff Web 2.0. Viel zu leicht k&#246;nnte man sich vorstellen, jemand habe nun ein neues Internet mit neuer Funktionalit&#228;t gestaltet. Das ist jedoch nicht der Fall. Es gibt neue Anwendungen und neues Nutzungsverhalten. 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