Von Bergen nach Oslo mit der Bahn

Wie gestern morgen angekündigt, hab ich mich zum Bergener Bahnhof begeben. Schon auf dem Weg dorthin kam die Sonne auch wieder raus. Ich war viel zu früh da. Man mag mir diese rührige Spießigkeit nachsehen, nach all dem Chaos.

Es gab dann noch einen für lokale Verhältnisse außerordentlich brauchbaren Cappuccino. Hier abgebildet mitsamt meines für drei Tage recht übersichtlich zusammengestellten Gepäcks, das weder Vulkan- noch Mehrwochenverträglich ist. Die Szene hatte allerdings schon wieder etwas Vertrautes. Bei längeren Reisen bin ich auch in Freiburg meist etwas früher am Bahnhof und nehme noch, wie es Friedemann so schön ausdrücken würde, ein koffeinhaltiges Heißgetränk zu mir.

Alsdann habe ich mich allmählich an den Gedanken gewöhnt, Bergen estmal zu verlassen, dem Bahnhof noch einen letzten Blick gewidmet und bin brav auf Gleis 3 gegangen. Der Zug zuckelte mit gefühlten 20 km/h los (in Wirklichkeit waren es schon ein paar mehr) und verschwand sodann gleich im nächsten Tunnel. Das Tag und Nachtspiel sollte noch weitergehen und, Verzeihung, inmitten schneeumspielter Gipfel seinen konvergent dramatischen und geographischen Höhepunkt finden. Doch bitte der Reihe nach.

Diese Bilder kennt man zu Hauf aus Reiseprospekten. Es verhält sich dabei analog wie mit Irland. Diese Bilder gibt es in jener bekannten Menge, weil es diese Situationen ebenfalls genau so häufig gibt. Das bricht nichts aus der Ästhetik. Im Gegenteil Das erste Drittel der Fahrt war voll damit. Meine Begeisterung entsprechend.

Bald aber verändert sich die Landschaft und am Horizont tauchen würdevoll die Schneegipfel auf. In diesem Moment wächst die Spannung. Mir wurde ja bereits ein landschaftlicher Genuss allerseits mit großen Worten verkündet. Selbst dort zu sein, das ist etwas ganz anderes. Diese Landschafen wechseln ja nicht etwa die Szenen, wie eine Bilderreihe wie diese suggerieren würde, sondern fließen ineinander über.

Noch bevor sich der Zug Meter für Meter die Höhe erobert, fahren wir an eisklaren Gebirgsbächen vorbei. Die Gedanken schweifen in eine Vergangenheit, wo wir Orte, die diesem sehr ähnlich waren, für allerlei Kinderabenteuer verwendeten, wo wir Geschichten lasen und man die Räuber schier aus dem Wald preschen sehen könnte, und in seltsame Winkel der Gegenwart, die etwas Staunen und etwas Zweifel schüren an den Dingen, die da so ihren Gang gehen. Wie schon von unzähligen Menschen vor mir berichtet, bekommen die Dinge eine andere Dimension. Sie relativieren sich selbst. Dabei werden sie nicht unbedingt kleiner in Ihrer Bedeutung an sich. Sondern nur anders positioniert. So dass sie plötzlich noch mehr Menschen angehen. Anders gesagt: Die Zeit bekommt sich selbst wieder geschenkt.

Seinen gemächlichen Gang geht auch der Zug, und bringt seine Reisenden in schneebedeckte Höhen. Die meisten steigen hier aus. Ja, genau hier. Mehr ist dabei meist nicht zu sehen. Manche haben Gerät dabei, das so aussieht als könnte man damit in die Richtung Wintersport starten. Andere haben fast gar nichts dabei. Nicht alle Geheimnisse offenbaren sich sofort—wie so oft. Es gibt noch viele Gründe, hier wieder herzukommen.

Bald wird es wieder grüner. Der Schnee wird durch diese nebelhaften Szenen abgelöst. Ich habe wohl einen Sprung in der Schüssel, oder bin einfach zu romantisch geblieben. Aber ich gerate da immer ins Träumen. Das würde ich übrigens auch bei einer geeignet verfügbaren Therapiemöglichkeit nicht hergeben wollen. Immer wieder ragen steile, hohe Felsen—manchmal fast über die Bahn. Dann kommt wieder ein Tunnel. Das gute alte, nochmals Verzeihung, Tag- und Nachtspiel. Dunkel, blinzeln, öffnen, zwinkern, dunkel, da capo, da capo, da capo. Inzwischen trinke ich den zweiten im Zug angebotenen Filterkaffee. Er ist nicht schlechter als der bei der Deutschen Bahn (sssänk ju foa träffelink…). Er hat Koffein. Junkie Pablo auf Reisen.

Dann haben wir sie auch schon wieder, die größeren Wasser mit Auen, mit Bergen. Der Schnee weicht allmählich wieder frühlingshaftem Grün. Leben sprießt.

Immer größer wird der Strom, neben dem wir herfahren. Die Bahn nähert sich einstweilen bedächtig der großen Stadt. Der Schaffner kündigt extra an, falls eine Station nur ein Kurzhalt (2 Minuten) ist. Ansonsten springen alle raus und gehen ein wenig auf- und ab. Das dauert deutlich länger. Die wesentlich nettere Schaffnerin grinst dann und winkt die Leute später mit ihrem Notizblock in den Zug zurück. Konsequent werden übrigens alle Ansagen auch auf Englisch wiederholt. Für Bahnfahrten sind sie ungewohnt verständlich. Aber ich habe sowieso noch keinen Norweger getroffen, der nicht wenigstens besser Englisch spricht als ich.

Aus Bergen kam der Zug an. Sagt zumindest das Schild. Und meine Erinnerung. Sehr hohe Beobachterübereinstimmung. Diese Bestimmung ist objektiv.

Der Bahnhof in Oslo ist natürlich ganz anders als der in Bergen. Schon allein der Größe halber. Wegen des Vorher-Nachher-Effekts wollte ich den Anblick jedoch nicht verheimlichen. Das einfache Steak mit ein wenig krümeligem Gemüse kostet zusammen mit dem stillen Tafelwasser 380 Kronen. Das sind 47,80 Euronen. Nobel war da nix dran. Auch das ist Norwegen—sonst müssten die mich allerdings auch alle zwei Jahre hier aushalten.

A propos: Das Einzelzimmer hat, wie oft üblich, zwei Betten. Man muss aber vier bezahlen. Natürlich nicht wirklich, aber auf der Rechnung sieht’s so aus. Wohnen werde ich hier trotzdem allein. Wenn das hier Urlaub wäre, dann wäre das anders. Jetzt muss ich eigentlich heute Nacht nur noch klären, welche Seite es sein soll. Vielleicht werfe ich eine Münze. Wo die Fähre nach Kiel geht, habe ich heute auch schon ausgekundschaftet. Doch dazu und anderes in Kürze mehr.

Für diesen Trip alleine habe ich zwei Gigabyte an Fotomaterial geschossen. Da sind noch einige Perlen in der visuellen Schatztruhe.

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Datum: Mittwoch, 21. April 2010 9:39
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Ein Kommentar

  1. 1

    meine güte, demvulkan sei dank – ist das schön.

    aber demhimmelseidank, dass du die preise erwähnt hast, ich wäre sonst unvorstellbar empört, noch nicht dort gewesen zu sein.

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